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Intralogistik Steuert die Intralogistik auf Industrie 5.0 zu?

Der Fachverband Fördertechnik und Intralogistik ist der zweitgrößte im VDMA.200 Unternehmen sind dort in den Fachabteilungen Krane und Hebezeuge, Flurförderzeuge, Stetigförderer und Lagertechnik vereint. Wir sprachen mit Geschäftsführer Sascha Schmel über den Entwicklungsstand und die Perspektiven seiner Branche.

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Sascha Schmel, VDMA: „Intralogistik ist ausgereifte Hochtechnologie. Sie zeichnet sich duch eine wesentliche Stärke aus: nämlich Flexibilität.“
Sascha Schmel, VDMA: „Intralogistik ist ausgereifte Hochtechnologie. Sie zeichnet sich duch eine wesentliche Stärke aus: nämlich Flexibilität.“
(Bild: VDMA)

Herr Schmel, Sie sind seit dem 1. Dezember 2012 Geschäftsführer des VDMA-Fachverbands Fördertechnik und Intralogistik. Eine Frage an den Wirtschaftsingenieur aus der Intralogistik-Perspektive: Was war Ihr technisches Highlight der vergangenen eineinhalb Jahre?

Schmel: Da fällt mir spontan ein Stichwort ein: Industrie 4.0. Wir haben uns als Fachverband auf der Cemat damit schwerpunktmäßig beschäftigt und gezeigt, was heute in der Intralogistik in diesem Bereich schon existiert. Und wenn man sich überlegt, wohin die technischen Entwicklungen gehen können und welche Potenziale Industrie 4.0 hat – das stellt Einzelthemen schon in den Schatten und ist deshalb sicher nicht nur für mich ein Highlight.

Intralogistik ist ja eine Wortschöpfung, die vor rund zehn Jahren vom „Forum Intralogistik“ des VDMA ins Leben gerufen wurde. Hat sich der Begriff mittlerweile ausreichend in den Köpfen der Menschen festgesetzt? Was muss noch getan werden?

Schmel: In der Fachwelt ist der Begriff heute mehr als etabliert und nicht mehr wegzudenken. In der Öffentlichkeit kann der Begriff noch bekannter werden. Wir arbeiten weiter daran, den Menschen diese interessante und vielseitige Branche näherzubringen.

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Intralogistik ist längst keine Domäne von Stahl und Eisen mehr, also der „Technik zum Anfassen“, sondern wird immer stärker von der IT dominiert. Stehen die Softwareabteilungen der Intralogistiker insbesondere angesichts des IT-Fachkräftemangels da nicht vor großen Problemen?

Schmel: Nennen wir es Herausforderungen. Der Bedarf an Fachkräften mit IT-Qualifikation nimmt stetig zu. Diese Entwicklung zeichnet sich schon länger ab und die Unternehmen stellen sich darauf ein. Natürlich ist es eine große Aufgabe für die Unternehmen der Branche, beim IT-Nachwuchs herauszustechen. Das gilt aber grundsätzlich auch für andere Fachrichtungen und Berufsgruppen. Auch deshalb ist es wichtig, abseits der Fachwelt die Intralogistikbranche bekannter zu machen. Insgesamt kann man beobachten, dass die Intralogistiker hier beim Personalmarketing aufstocken und ihre Aktivitäten verstärken.

Moderne IT, wie etwa das Internet, wächst mit traditionellen industriellen Fertigungsprozessen zusammen – Stichwort „Industrie 4.0“. Nach Mechanisierung, arbeitsteiliger Massenproduktion und Automatisierung sollen jetzt also sogenannte „cyberphysische Systeme“ kommen. Wie stark betrifft das die (Intra-)Logistik?

Schmel: Wesentliche Elemente sind schon seit einiger Zeit verfügbar und deshalb ist die Branche auf dem Weg zu Industrie 4.0 vorne mit dabei. Das liegt vor allem am interdisziplinären Charakter der Branche – sowohl was die Technik als auch die Nähe zu den Zielbranchen angeht. Die Neu- und Weiterentwicklungen der Unternehmen gehen stark in die Richtung Industrie 4.0, auch wenn sie derzeit noch nicht unbedingt dem Begriff zugeordnet werden. Konkrete Beispiele dazu haben wir auf der Cemat auf unserem VDMA-Gemeinschaftsstand gezeigt.

Thema Volatilität: Wir alle tragen durch unser Konsumverhalten, das zu immer kleinteiligeren Bestellungen führt, zur wachsenden Planungsunsicherheit auf Herstellerseite bei – Beschaffung, Produktion und Verteilung der Waren werden immer komplexer. Können das heutige logistische Systeme überhaupt noch stemmen?

Schmel: Offensichtlich, denn meine Bestellungen kommen immer zuverlässig an. Ich weiß allerdings auch, wie viel Know-how und Arbeit in die technischen Entwicklungen dahinter investiert wurden und auch weiterhin werden. Intralogistik ist ausgereifte Hochtechnologie. Sie zeichnet sich durch eine wesentliche Stärke aus: nämlich Flexibilität. Intralogistik ist – bis auf wenige Ausnahmen – keine Ware von der Stange. Die Lösungen sind in der Regel custom-made und individuell auf den Kunden zugeschnitten. Und wenn sich die Anforderungen ändern, passt sich die Intralogistik diesem Schritt an – in dem Fall also auch an komplexere Prozesse.

Eine Studie zur „Logistik 2050“ der Deutschen Post DHL beschreibt fünf Szenarien: von zügellosem Wachstum (und einem drohenden Kollaps) über Megaeffizienz in Megastädten, individualisierte Lebensstile und lähmenden Protektionismus bis hin zu – und das wäre mir am liebsten – globaler Widerstandsfähigkeit und lokaler Anpassung. Wie ist Ihre Prognose für unsere Welt Mitte des 21. Jahrhunderts?

Schmel: In den 1850ern warnten Stadtplaner in New York und London davor, dass die Städte durch die Zunahme von Kutschen schon 1910 im Pferdemist ersticken würden. Die Berechnungsmethoden, die zu dieser Annahme führten, entsprachen absolut dem damaligen wissenschaftlichen Stand. Mit der Erfindung des Automobils konnte ja auch niemand rechnen. Ich möchte deshalb lieber nicht in die Glaskugel schauen. Was uns heute vielleicht als plausibel erscheint, muss es in der Zukunft schon nicht mehr sein. Für mich persönlich ist eine „Logistik 2050“ auf alle Fälle vor allem eine „nachhaltige Logistik“. Unsere Mitglieder entwickeln bereits heute Systeme und Komponenten mit einem strengen Fokus auf Nachhaltigkeit und Zukunftssicherheit. Dieser Trend wird sich in den kommenden Jahren und Jahrzehnten angesichts steigender Rohstoffpreise und Energiekosten sowie Ressourcenknappheit noch verstärken.

Zurück zur Gegenwart: Ihr Fachverband ist Träger des IFOY-Award, des Wettbewerbs zum „International Forklift Truck of the Year“, der 2014 das zweite Mal gelaufen ist. Haben sich Ihre Erwartungen an den Wettbewerb erfüllt angesichts der Tatsache, dass sich einige wichtige Player am Staplermarkt bisher ja noch nicht zu einer Teilnahme entschließen konnten?

Schmel: Wir sind sehr zufrieden mit dem zweiten Durchlauf des IFOY. Das spiegelt sich auch in dem Feedback wider, das wir nach der Verleihung auf der Cemat erhalten haben. Die Bewerbung ist freiwillig und über die Beweggründe, nicht teilzunehmen, kann ich nicht urteilen. Der IFOY hat ein transparentes Bewertungs- und Auswahlverfahren etabliert. Es ist ein fairer Wettbewerb, bei dem die besten und innovativsten Lösungen gewinnen. Das hat sich in diesem Jahr erneut gezeigt.

Gefragt nach den Zukunftsperspektiven des deutschen Maschinenbaus, hat VDMA-Präsident Dr. Reinhold Festge vor allem auf die wachsende Konkurrenz aus Asien hingewiesen. Teilen Sie für die rund 200 Intralogistiker in Ihren Reihen diese Sorge?

Schmel: Wir beobachten die Märkte in Asien ganz genau. Allerdings haben unsere Mitglieder eine sehr gute Ausgangslage. Unter anderem ist „Made in Germany“ gerade in der Intralogistik weltweit gefragt. Das zeigen die Exportzahlen deutlich. Länder wie China kommen im internationalen Vergleich der Intralogistikausfuhren noch vor den USA auf Platz zwei. Die deutsche Technik punktet mit Innovation, Zuverlässigkeit, Produktlanglebigkeit, Lebenszykluskosten und so weiter. Diesen Wettbewerbsvorsprung gilt es aber auch zu halten. Bisher hat das gut geklappt und wir sind auch für die Zukunft zuversichtlich. Das Innovationstempo ist hier sicherlich ein Schlüssel.

Trotz des Rückgangs der Bevölkerung hierzulande: Die Welt bleibt dem traditionellen Wachstumsparadigma verhaftet. Geben Sie quantitativem Wachstum überhaupt noch eine Chance oder sagen Sie, dass sich das angestrebte Wachstum an der Qualität zukünftiger Produkte und Verfahren orientieren muss?

Schmel: Diese Frage kann ich sicher nicht umfassend beantworten. Aber es beruhigt mich, zu sehen, dass die Entwicklung bei der Qualität von Produkten und Verfahren gerade in der Intralogistik in die richtige Richtung geht. Die Systeme werden immer flexibler, kompakter und effizienter. Die Branche kann sich deshalb bei verschiedenen Wachstumsszenarien behaupten.

Zum Schluss eine vielleicht provokante Frage, die Intralogistiker genauso betrifft wie die Spediteure dieser Welt: Wenn 3D-Drucker dereinst einen Verbreitungsgrad wie Fernsehen, Waschmaschine oder Auto erfahren haben – wer braucht dann noch Intralogistik, wo doch jeder sich (mehr oder weniger) alles zuhause selbst herstellen kann?

Schmel: Wie ich die Intralogistikhersteller kenne und einschätze, werden sie sich – wie sie es bisher auch konsequent getan haben – damit intensiv auseinandersetzen und flexibel darauf einstellen. Nehmen wir doch nur mal als Beispiel, wie sich die Intralogistiklösungen im Laufe der letzten Jahre durch die Vernetzung mit Internet, mobiler Kommunikation und so weiter verändert haben. Wie und wohin sich die Intralogistik durch den 3D-Druck entwickeln wird – wir werden sehen. Unabhängig davon, wenn dieser Verbreitungsgrad tatsächlich erreicht würde, wären die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen gigantisch und würden deutlich mehr als nur die Intralogistikbranche „umkrempeln“. Und im allerschlimmsten Fall wird die Intralogistik in der Produktion der Drucker und für die Zustellung der 3D-Druckmaterialien benötigt.

Herr Schmel, herzlichen Dank für Ihre Einschätzungen!

* Das Interview führte Bernd Maienschein, Chefredakteur von MM Logistik

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