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Indien Indiens regionale Maschinenbaucluster im Überblick

| Autor / Redakteur: Thomas Kiefer / Ulrike Gloger

Für viele Unternehmen ist Indien ein interessanter, aber auch sehr schwieriger Markt. Im Rennen um ausländische Unternehmen setzen jetzt verschiedene indische Wirtschaftsregionen auf Sonderwirtschaftszonen, Infrastrukturausbau und Geschäftsanreize. Im zweiten Teil unserer dreiteiligen Serie berichten wir über die Besonderheiten der einzelnen Wirtschaftsregionen.

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Produktion von Automobilsitzen in Indien.
Produktion von Automobilsitzen in Indien.
( Archiv: Vogel Business Media )

Der erste Beitrag unserer Indien-Serie (siehe Weblink) befasste sich mit der Attraktivität des indischen Marktes für deutsche Maschinenbauunternehmen, für die Indien sowohl Abnehmer hochwertiger Technik als auch günstige Bezugsquelle und nicht zuletzt interessanter Produktionsstandort ist. Der dritte und letzte Teil der Serie wird in Kürze am Beispiel Rittal konkrete Erfahrungen eines Unternehmens, das schon viele Jahre auf dem Subkontinent aktiv ist, aufzeigen.

Aus dem Ruder laufende Zeitpläne, schlechte Infrastruktur und bürokratische Hürden in Indien nannte auf der Handelsblatt-Jahrestagung der Geschäftsführer der Deutsch-Indischen Handelskammer, Bernhard Steinrücke, als häufigste Beschwerden deutscher Unternehmer. Doch hätten die Firmen die ersten Probleme überwunden, seien sie meist hochzufrieden, so Steinrücke.

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Für Newcomer ist der Einstieg zumeist nicht leicht. Aber die Geschäftsbedingungen ändern sich zur Zeit in einigen Regionen grundlegend. Indien ist kaum als ein zusammenhängendes Wirtschaftsgebiet zu begreifen. Der Subkontinent ist zersplitterter als die Europäische Union; zwischen den einzelnen Bundesstaaten bestehen Zollbarrieren und grundlegend verschiedene Wirtschaftsgesetze. Verschiedene Schriften, Sprachen und Kulturen schaffen eine unglaubliche Vielfalt, aber auch tiefgehende Differenzierungen.

Diese Zersplitterung ist für ausländische Unternehmen nicht nur von Nachteil. Einige Standorte haben, um die lähmende Bürokratie zu umgehen, für ausländische Unternehmen den „One-Stop-Service“ eingerichtet, wobei ein Ansprechpartner alle notwendigen Formalitäten für Unternehmensgründungen regeln soll. Ein weiteres zentrales Element dieser Neuausrichtung sind die Pläne des Ministry of Commerce and Industry zur Schaffung spezieller Sonderwirtschaftszonen. Dort gelten günstige Steuer- und Zollregelungen, die Zonen werben mit schnellen Genehmigungsverfahren und guter Infrastruktur.

Vier große Wirtschaftscluster werben um Industrien

Generell kann man Indien in vier große Wirtschaftscluster aufteilen. Im Norden ist insbesondere der Speckgürtel um die Hauptstadt New Delhi für die Maschinenbauindustrie von Interesse. Der Osten ist mit West-Bengalen ein wichtiger Rohstofflieferant, setzt jedoch jetzt auf Hightech. Der Westen mit dem Zentrum Bangalore ist die Wirtschaftslokomotive des Landes mit einer ausgeprägten Industriestruktur. Der Süden mit Tamil Nadu ist ein Maschinenbauzentrum und verfügt über viele Fachkräfte.

  • Greater Delhi: Indiens Hauptstadt Delhi ist eines der wichtigsten Wirtschaftszentren in Asien. Dort haben viele große Industriekonzerne ihren Sitz. Die Stadt leidet jedoch an einer überlasteten Infrastruktur, wobei jährlich etwa 400 000 Menschen neu in die Stadt strömen. Doch als Dienstleistungs- und Forschungszentrum spielt Delhi weiterhin eine zentrale Rolle. Die Industrie zieht jedoch verstärkt in die neuen Wirtschaftszonen im Speckgürtel. Die 1976 gegründete Stadt Noida grenzt südöstlich an Delhi und liegt im Bundesstaat Uttar Pradesh, mit 166 Mio. Einwohnern einer der ärmsten indischen Staaten. In der Stadt mit bereits über 400 000 Einwohnern befinden sich außer dem Maschinenbau auch moderne Fertigungsbetriebe des Automobilbaus und der Elektronikbranche.

Ebenfalls am Stadtrand von Delhi liegt Guragon im Bundesstaat Haryana mit 21 Mio. Einwohnern. Auch dort konzentriert sich die Elektronik- und Automobilbranche. Guragon baut zügig Forschungs- und Qualifizierungskapazitäten aus.

  • West-Bengalen: West-Bengalen versucht nach chinesischem Vorbild den Sprung in die Moderne. Der seit Jahrzehnten kommunistisch regierte Bundesstaat mit über 80 Mio. Einwohnern setzt auf Bildung, Technologie und sucht aktiv ausländische Geschäftspartner. „Gründe dafür, dass West-Bengalen heute unter allen anderen Bundesstaaten in der Entwicklung hervorsticht, sind die politische Stabilität, eine gute Rechtsprechung, verlässliche Verfügbarkeit von Energie und vor allem niedrige Energiekosten“, erklärt Shri Siddarth, Secretary des Department of Information Technology des Government of West Bengal.

Die Armutsmetropole Kalkutta verändert ihr „Angesicht“

Vor allem Kalkutta, bekannt für Armut, handgezogene Rikschas und Mutter Teresa, verändert sein Gesicht. Alleine zwischen 2000 und 2004 ereichte dort das Wirtschaftswachstum 70 %, verglichen mit 36 % im Landesdurchschnitt.

  • Region Mumbay-Pune-Bangalore: Mahrashtra mit 97 Mio. Einwohnern und seiner Hauptstadt Mumbay (Bombay) gilt als Wirtschaftslokomotive des Subkontinents. Die Infrastruktur Mumbays ist mit 12 Mio. Einwohnern ständig überlastet. Neue Industriezentren bei Mumbay und Standorte im Landesinneren gewinnen an Bedeutung. Außer Mumbay wurden Städte wie Nagapur, Pune, Nasik, Nanded sowie Aurangabad von der Zentralregierung für Mega-City-Projekte ausgewählt. „Sie werden mit verbesserter Infrastruktur und günstigen Bedingungen für Unternehmer und Investoren ein völlig neues Erscheinungsbild bekommen“, erklärt Shri Vilasrao Deshmukh, Chief Minister von Maharashtra. Textilindustrie, Chemie, Eisenwaren und auch der Maschinenbau sind bedeutende Industriebranchen.

Südlich an Mahrashtra grenzt Karnataka mit 56 Mio. Einwohnern. Die Hauptstadt Bangalore mit über 5 Mio. Einwohnern gilt als Softwareschmiede der Welt. Neben der Elektronikindustrie sind die Textil- und Automobilindustrie wichtige Branchen. Gildemeister arbeitet mit der DMG India Pvt. Ltd. in Bangalore. Die Stadt ist ein wichtiges Messe- und Kongresszentrum, in der auch die Deutsche Messe AG verschiedene Industriemessen veranstaltet.

  • Tamil Nadu: Indiens südlichster Bundesstaat Tamil Nadu (65 Mio. Einwohner) mit seiner Hauptstadt Chennai (Madras) ist eines der wichtigsten Industriezentren Indiens. Neben der Textilindustrie sind die Automobil- und Chemiebranche wichtige Wirtschaftsbereiche. Nokia betreibt in Chennai ein Werk mit 4700 Mitarbeitern. Die Beschäftigtenzahl im Nokia Industry Park soll auf 30 000 steigen. Nach China und noch vor den USA ist Indien der zweitwichtigste Absatzmarkt für den finnischen Mobiltelefonanbieter.

Standortwahl entscheidend für den Geschäftserfolg

Nach einer Befragung von deutschen Unternehmen in Indien gibt fast die Hälfte aller dort aktiven Firmen Fehler bei der Standortwahl als ein Hauptproblem für ihre Geschäfte an. Oft wird auf Prospekten oder im Internet von Standortförderern alles mögliche versprochen, in der Praxis behindert jedoch Bürokratie oder fehlender Infrastrukturausbau die Wirtschaft. Die Bedingungen sind nur vor Ort genau zu erfahren. Hohe Wachstumsraten und der Zwang, nicht zuletzt für die Exportproduktion zu modernisieren, schaffen auch längerfristig glänzende Perspektiven für den Maschinenbau.

„So fordern zum Beispiel die Automobilhersteller vor Ort zunehmend Lösungen, die viele lokale Lieferanten schlicht überfordern. Entsprechend groß ist das Interesse an neuen Technologien, Fertigungs-Know-how und Maschinen. Deutsche Hersteller können davon profitieren, weil sie auch in Indien einen hervorragenden Ruf genießen“, erklärt Dirk Meyer, Managing Partner von Forum Indien.

Dr. Thomas Kiefer ist Fachjournalist in 21521 Aumühle

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