Gutes Klima Investoren werden intensiv betreut

Autor / Redakteur: Lothar Handge / Ulrike Gloger

Die Tschechische Republik gehört für deutsche Unternehmen zu den attraktivsten Investitionsstandorten in Mittel- und Osteuropa. Außer mit einem geringeren Lohnkostenniveau lockt das Nachbarland mit weiteren vielfältigen Investitionsanreizen.

Firmen zum Thema

( Archiv: Vogel Business Media )

Die jüngsten Wirtschaftsdaten der Tschechischen Republik zeigen beeindruckende Zahlen. So lag das Wirtschaftswachstum im ersten Quartal 2006 bei 6,2% und im zweiten Quartal bei 7,2%. In diesem Bereich wird auch das Wachstum für das Gesamtjahr geschätzt. Für 2007 liegt die Prognose mit einem Zuwachs von 6% nur wenig darunter. Seit 2004 der EU angehörend ist Tschechien längst eng mit der Europäischen Union verzahnt, betont Josef Hlobil, Generalkonsul der Tschechischen Republik in Bonn: „Mehr als 80% unserer Exporte gehen in die EU-Länder und über 70% der Importe kommen aus der EU.“

Wichtigster Handelspartner und größter Investor ist Deutschland. In den Jahren zwischen 1990 und 2004 erreichten die deutschen Direktinvestitionen mehr als 13 Mrd. Euro. Die Namen der Investoren lesen sich wie das „Who is who“ der deutschen Wirtschaft: VW, RWE, Eon, Siemens, Bosch, Linde oder Continental sind mit vielen Mittelständlern in Tschechien vertreten.

Bildergalerie

Erste Anlaufstelle für mögliche Investoren ist die tschechische Agentur für Wirtschafts- und Investitionsförderung. Renáta Haklová, Leiterin der deutschen Vertretung von Czech-Invest in Köln, freut sich: „Mit einer Vielzahl kostenfreier Dienstleistungen ist es uns gelungen, die Wettbewerbsfähigkeit der tschechischen Wirtschaft zu steigern.“ Geboten werden Informationen, Hilfestellungen bei der Suche nach Gewerbeimmobilien, Vermittlung von Kontakten zu Zulieferern, Universitäten und Ausbildungseinrichtungen sowie die Unterstützung bei Verhandlungen mit staatlichen Behörden und lokalen Gemeinden.

Zentrale Anlaufstelle für Investitionsförderung

Vor allem aber ist Czech-Invest die zentrale Anlaufstelle für alle Investitionsförderungen, sowohl die aus EU-Mitteln als auch die aus dem Staatshaushalt der Tschechischen Republik. Gefördert werden speziell Investitionen in neue Produktionswerke sowie in Technologiezentren. Dazu kommen Fördermaßnahmen speziell für kleine und mittelständische Unternehmen, für Schulungen sowie Subventionen in strukturschwachen Gebieten. Die Höhe der Investitionsanreize kann bis zu 50% der Investition betragen, bei Schulungen sogar noch mehr. „Alle Förderungen“, betont Renáta Haklová, „beruhen auf gesetzlichen Regelungen, sie sind damit zwar nicht verhandelbar, bieten aber ein hohes Maß an Transparenz.“

Zu den wichtigsten Entscheidungen bei einer Investition gehört die Auswahl der Unternehmens-Rechtsform. Wie in Deutschland gibt es Aktiengesellschaften (a.s.), GmbH (s.r.o.) und Personengesellschaften, die nach Barbara Kusak, Rechtsanwältin in der Kanzlei Nörr Stiefenhofer Lutz in Prag, aber die Ausnahme darstellen: „Die GmbH ist die häufigste Form, nicht zuletzt weil der Verwaltungsaufwand geringer ist als bei einer Aktiengesellschaft.“ Die GmbH sei vor allem für kleine und mittlere Unternehmen ideal. Von 50:50-Anteilen in Joint-Venture-Verträgen rät Barbara Kusak ab. „Man sollte zumindest über eine Mehrheit von 51% verfügen. Auch eine Option, innerhalb von etwa drei Jahren die Anteile des Partners zu übernehmen, sollte vorhanden sein.“

Auch für die Finanzierung einer Investition hat die Anwältin einen Tipp parat. Früher war die deutsche Hausbank der natürliche Ansprechpartner, „heute herrscht in Tschechien ein Kreditnehmermarkt: Es gibt mehr Banken als Deals, die es zu finanzieren gilt, und deshalb günstige Konditionen.“ Ein hierzulande nicht bekannter Fallstrick droht übrigens beim Erwerb von Immobilien: Bis zu zehn Jahre nach dem Kauf können dabei von Dritten Ansprüche angemeldet werden, selbst wenn kein Eintrag im Grundbuch vorliegt.

Unterschiede zu Deutschland gibt es natürlich auch in der Steuergesetzgebung. So liegt die maximale Einkommensteuer für natürliche Personen zwar nur bei 32%, aber wegen der „relativ steilen Progression der Einkommensteuer lohnt sich erst bei sehr hohen Einkommen die Besteuerung in Tschechien.“ Diesen Rat gibt Dr. Michael Spörl, Steuerberater bei der KPMG s.r.o. in Prag, Deutschen mit auf den Weg, die zeitweise in der Tschechei arbeiten. Sie sollten außerdem unbedingt ihre Sozialversicherung in Deutschland beibehalten, empfiehlt der Experte: „Das System ist schlechter als in Deutschland – man zahlt viel ein und bekommt wenig heraus.“

Arbeitszeiten und Gehälter haben nicht oberste Priorität

Nicht überraschend ist, dass Tschechen länger arbeiten als Deutsche. „Nach einer neuen EU-Studie wird in Tschechien durchschnittlich 41,7 Stunden pro Woche gearbeitet“, berichtet Petr Hruška, Managing Director und Partner bei Kienbaum Management Consultants in Prag. Verdient werden durchschnittlich 700 Euro monatlich, wobei zwei Drittel der Beschäftigten weniger verdienen. Nach einer Vergütungsstudie kommt ein Geschäftsführer auf 70 000 Euro/Jahr. Dabei ist, so Petr Hruška „für Top-Leute das Geld nicht das Wichtigste, sie wollen vielmehr mit der Firma wachsen, voran- kommen und Perspektiven für einen Aufstieg sehen“.

Fremdsprache Nummer eins ist in Tschechien heute Englisch – Mitarbeiter mit deutschen Sprachkenntnissen zu finden, ist deshalb schwieriger. Unabhängig von der Sprache sieht Petr Hruška vor allem im technischen Bereich langfristig Schwierigkeiten bei der Personalsuche, weil der Bedarf durch die vielen ausländischen Investitionen sehr hoch ist. „Auf vielen Gebieten, wie zum Beispiel bei Aluminium-Schweißern oder CNC-Programmierern, fehlt der Nachwuchs“, weiß der Berater, „Personal für nicht-technische Bereiche gibt es genügend.“

Überwiegend gute Erfahrungen mit der Tschechischen Republik hat die Miele & Cie. KG gemacht. Seit 2003 betreibt der renommierte Hersteller weißer Qualitätsware außer den acht Standorten in Deutschland auch ein Werk in Unicov. Gründe für den Gang nach Tschechien waren laut Dr.-Ing. Ernst Krämer, Werksleiter in Gütersloh, außer der Ausweitung der Produktion und der Promotion des Markennamens in Osteuropa vor allem die Lohnkostenvorteile und die Nutzung der Kapazitäten osteuropäischer Zulieferer, die am Standort im Großraum Brünn vorhanden sind.

Dazu kommt, so Krämer „das gute Ausbildungsniveau besonders in den Bereichen Elektrotechnik und Maschinenbau“. Andererseits sei freilich die „Mobilität üblicherweise nicht sehr hoch“. Krankenstand und Produktivität seien auf dem gleichen Niveau wie in Deutschland.

Lob zollt Krämer der Unterstützung durch Czech-Invest bei der Realisierung des Projektes. Sehr hilfreich sei die Betreuung bei den Gesprächen vor Ort gewesen, die in vielen Fällen auch auf Deutsch stattfanden. Nach Gründung der Miele technika im Januar 2003 erfolgte die Inbetriebnahme des Werkes mit seinen 300 Mitarbeitern bereits im Dezember 2003. „Ein erstaunlich schneller Aufbau, obwohl rund zwölf Behörden beteiligt waren“, resümiert Krämer.

Von ähnlich guten Erfahrungen berichtet Jürgen Koopsingraven, kaufmännischer Leiter bei der Pierburg s.r.o. in Trmice. Der Automobilzulieferer begann sein Engagement in Tschechien im Jahr 2002. Innerhalb von vier Monaten konnte der Aufbau eines Wer-kes mit 2 800 m² Produktionsfläche realisiert werden. „Wir haben nicht gedacht, dass es so einfach ist“, verrät Jürgen Koopsingraven. „Heute läuft die Produktion sehr stabil bei einer hohen Produktivität.“

Die Standortauswahl betrieb Pierburg sehr systematisch. Grundlage war ein Entscheidungskatalog mit rund 100 gewichteten Kriterien. In der Wahl waren auch Rumänien, Russland und die Ukraine. Ausschlaggebend für die Tschechei waren unter anderem die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen, die Infrastruktur sowie die EU-Mitgliedschaft.

Von pragmatisch bis bürokratisch

Als positiv bezeichnet Jürgen Koopsingraven die lösungsorientierte und auf praktikable Ergebnisse ausgerichtete Einstellung der tschechischen Gesprächspartner bei Behörden und Gemeinden. Anderes wiederum wird als starr und bürokratisch empfunden. So seien Abweichung von den Unterlagen bei der Bauabnahme nicht möglich. Förderungsanträge sind sehr genau vorzubereiten. Dazu kommt die lange Bindung: „Wenn bei einer späteren Prüfung zu viele Änderungen gegenüber dem Antrag festgestellt werden, sind die Zuschüsse weg.

Lothar Handge ist MM-Korrespondent in Velbert.

(ID:194927)