Frachtplattform

Mit der Kraft von DHL im Rücken will Saloodo den Markt der Frachtenbörsen aufmischen

| Autor: Benedikt Hofmann

Elaine Tan, COO, und Amadou Diallo, CEO, stellen die DHL-Tochter Saloodo in unserem Interview vor.
Elaine Tan, COO, und Amadou Diallo, CEO, stellen die DHL-Tochter Saloodo in unserem Interview vor. (Bild: Saloodo)

Kaum ein Bereich der Logistik hat in den letzten Jahren einen solchen Start-up-Boom erlebt, wie die Online-Frachtenbörsen. DHL reagierte auf diesen neuen Wettbewerb vor einigen Monaten mit der Gründung von Saloodo. Im Interview mit MM LOGISTIK geben Amadou Diallo, CEO, und Elaine Tan, COO, Einblick in das Geschäft der neuen DHL Tochter.

Wie hat die Digitalisierung die Transportbranche gerade im Hinblick auf kleine und mittlere Unternehmen bisher verändert?

Amadou Diallo: Ich kann mich noch an die Zeit erinnern, als ich zur Deutschen Post gekommen bin, also zum Bundesministerium für Post und Telekommunikation. Zu den ersten Auswirkungen der Digitalisierung gehörte, dass sich die Kommunikation mit Kollegen und Kunden sowie die Menge an Informationen, mit der wir täglich konfrontiert wurden, änderten. Zwischen 2007 und 2008 gab es dann einen ersten echten Smartphone-Boom und man konnte plötzlich noch mehr Informationen in einem sehr kleinen Gerät speichern. Durch diese Geräte bekam auch das Thema User Experience eine immer größere Bedeutung, was zur Entwicklung neuer Apps führte und dazu, dass das Smartphone immer stärker auch geschäftlich genutzt wurde. Für uns bedeutete das, dass wir unsere Abläufe immer mehr standardisieren mussten.

... aufgrund der größeren Verbreitung von Smartphones?

Diallo: Ja, denn wir mussten plötzlich auf Aufträge reagieren können, die online über verschiedene Plattformen von Kunden, die wir noch nie gesehen haben, abgegeben wurden. Diese mussten wir dann in bestimmten Zeitfenstern erledigen, die uns quasi vorgegeben waren. Das war der Punkt, an dem wir die Art, wie wir arbeiten, weiter systematisieren mussten. Dies schloss auch unsere eigenen Netzwerke, etwa beim Tracking & Tracing mit ein. Vor allem schaffte das für uns aber auch neue Möglichkeiten, unser Geschäft effizienter zu machen. Ein Beispiel: Früher hatten unsere Fahrer ab einem gewissen Punkt eine ganze Reihe von Geräten, die sie nutzen und mit denen sie sich auskennen mussten, und plötzlich wurde es möglich, verschiedenste Funktionen in einem Gerät zu bündeln. Mobile Endgeräte sind mittlerweile weltweit extrem verbreitet. So gibt es alleine in Afrika 1,1 Mrd. Smartphones. Das sind alles potenzielle Kunden.

Machen sich diese Veränderungen auch in anderen Bereichen bemerkbar?

Diallo: Natürlich. Nehmen Sie beispielsweise die Abfrage der Kundenzufriedenheit. Früher haben wir das am Ende des Jahres gemacht, heute passiert es am Ende des Tages. Auch hier geht es darum, Informationen möglichst früh zu bekommen und sie deutlich schneller verarbeiten zu können. Und das natürlich auf eine Art, die es den Verantwortlichen ermöglicht zu entscheiden, welche Prozesse verändert werden müssen, um eine höhere Kundenzufriedenheit zu erreichen. Diese Veränderungen werden sich aber noch grundsätzlicher auswirken. Es wird in naher Zukunft eine Generation ins Arbeitsleben treten, die mit Smartphones und Tablets aufgewachsen ist und diese Art zu arbeiten und zu kommunizieren verinnerlicht hat. Traditionelle Workstations und Arbeitsweisen werden für diese Generation wenig Reiz haben. Das müssen wir bedenken und das treibt auch die Entwicklungen in unserem Unternehmen an. Es geht um ein sich änderndes Verhalten auf Seiten der Kunden, der Mitarbeiter und der gesamten Gesellschaft.

Natürlich hat die Digitalisierung auch einen Raum geschaffen, in dem Unternehmen, wie DHL, völlig neue Wettbewerber erwachsen sind, ich denke hier beispielsweise an die vielen Transportplattformen. Sicher ist Saloodo auch eine Antwort auf diese Entwicklung.

Elaine Tan: Natürlich. Man kann das auch an Zahlen ablesen. Im Jahr 2015 gab es in unserer Branche etwa 62 Start-ups. Zu dieser Zeit begannen wir zu überlegen, wie wir darauf reagieren. Als wir dann mit der Arbeit an Saloodo begonnen haben, gab es schon 172 Unternehmen. Es ist ja nichts Neues für uns, auf derartige Veränderungen zu reagieren. In der 200-jährigen Unternehmensgeschichte von DHL gab es immer wieder disruptive Entwicklungen, die unser Geschäft verändert haben, und wir haben es immer geschafft, an ihnen zu wachsen. Innovationen sind ein Grundkonzept unserer Tätigkeit in verschiedensten Bereichen und so war uns klar, dass wir auch auf diese Veränderung eine Antwort finden müssen und werden.

Und wie sieht die Antwort aus?

Tan: Zunächst haben wir uns natürlich einmal den Markt der potenziellen Kunden angesehen. In Europa gibt es über 20 Mio. kleine und mittlere Unternehmen. Die Frage, vor der wir standen, war also: Was müssen wir tun, um für all diese Unternehmen der perfekte Logistikdienstleister zu sein, auch wenn wir sie nicht alle tatsächlich besuchen können? Schnell war klar, dass eine digitale Plattform der beste Weg ist, um sie alle zu erreichen.

Diallo: Der nächste Punkt war, dass es 700.000 Unternehmen gibt, die in unserer Branche verortet werden können, also Speditionen, Subunternehmer und Logistikdienstleister im Allgemeinen. Auch mit diesen wollten wir zusammenarbeiten und auch hier war schnell klar, dass das nur auf dem digitalen Weg funktionieren kann. Das Ziel war es also eine Plattform zu kreieren, die den Ansprüchen aller an der Supply Chain beteiligten Unternehmen – also Auftraggeber als auch Auftragnehmer – gerecht wird und trotzdem in der Lage ist, eine Lösung für ganz individuelle Probleme zu bieten. Natürlich muss so eine Plattform heute auch sehr flexibel sein und sich den Bedingungen anpassen. Zu Beginn bedeutete das, dass alle zwei Wochen eine neue Version des Systems live ging. Mittlerweile kommen im wöchentlichen Rhythmus neue oder überarbeitete Funktionen hinzu. Diese Fähigkeit zur schnellen Veränderung und Weiterentwicklung ist heute einfach eine Grundvoraussetzung, um erfolgreich zu sein.

Auch ein Ergebnis der Digitalisierung …

Tan: Das stimmt absolut. Das Verhalten der Nutzer und damit auch der Kunden hat sich grundlegend verändert. Dazu hat auch die Tatsache beigetragen, dass durch das Internet jedem eine schier unendliche Menge an Informationen zur Verfügung steht. Bevor heute etwas gekauft oder bestellt wird, werden im Internet Preise verglichen und andere Informationen eingeholt. Der Kunde ist einfach viel besser informiert als früher. Gerade im Transportgewerbe war diese Transparenz aber nicht immer gegeben und wir wussten, dass wir diese schaffen können. Das erreichen wir zum einen dadurch, dass wir klar anzeigen, welche Anbieter für einen bestimmten Auftrag in Frage kommen und zum anderen, indem wir den Kunden darüber informieren, was ein fairer Preis für seinen Auftrag ist. Auch dem Spediteur können wir sagen, wie viel er für seine Dienstleistung verlangen sollte.

Wie kommen die von Ihnen vorgeschlagenen Preise zustande?

Diallo: Hier profitieren wir von unserem Mutterkonzern. Über dieses Wissen verfügt nur ein Unternehmen, das bereits seit einer langen Zeit am Markt aktiv ist. Wir haben bereits Transporte von jedem denkbaren Ort überall hin bepreist und die Kosten kalkuliert. Auf diese Erfahrungswerte können wir zurückgreifen und darauf aufbauen. Saloodo hat eine Funktion für Versender integriert, die mithilfe von Machine Learning saisonale Schwankungen vorhersagen sowie Ungleichgewichte auf bestimmten Routen erkennen kann. Somit erhalten Versender vorab eine aussagekräftige Preisindikation für ihre Transportaufträge auf Saloodo. Das gleiche Tool bietet Speditionen wiederum einen Indikator für gegenwärtige Marktlevels, sodass diese ihre Angebote im Gegenzug genauer auf das jeweilige Preisgefüge ausrichten können.

Was, wenn ein Unternehmen durchweg schlecht bewertet wird?

Diallo: Wir werden in jedem Fall Audits durchführen. Und wenn Anbieter dabei sehr schlecht abschneiden, werden wir uns von diesen gegebenenfalls trennen müssen, da sich das negativ auf unsere gesamte Plattform auswirkt.

Sehen Sie ein Problem darin, dass DHL zum einen Ihr Mutterunternehmen ist und zum anderen auch ein Anbieter auf Saloodo?

Diallo: Unser Ziel ist nicht, möglichst viele Nutzer dazu zu gewinnen, ihre Aufträge an DHL zu vergeben, sondern wir wollen ihnen dabei helfen, den für ihre Bedürfnisse passenden Anbieter zu finden. DHL ist hier ein Anbieter unter vielen. Ich sehe hier also keinen Konflikt. Momentan steht DHL bei der Rangliste der meistgebuchten Anbieter Saloodos auf Platz drei, ich denke das untermauert das. Mit Saloodo genießen unsere Kunden alle Freiheiten eines offenen Marktplatzes. Zur Sicherheit gibt es aber allerdings für jede Transportanfrage immer ein direktes Angebot von DHL.

Auch Rechnungstellung und Bezahlung können über Ihre Plattform abgewickelt werden. Können Sie uns hierzu etwas mehr sagen?

Tan: Wir haben hier eine Kooperation mit einer Plattform, die auf das Abwickeln von Zahlungen spezialisiert ist. Diese kümmert sich auch um das Thema Sicherheit, das bei Geldtransfers ja immer besonders wichtig ist. Wenn der Fahrer den Abliefernachweis erbringt – wofür in unserer App eine Funktion zur Verfügung steht, startet der Bezahlvorgang. Der Spediteur erhält sein Geld dann innerhalb von 14 Tagen. Das Spezielle an unserem Vorgehen ist, dass Saloodo der Vertragspartner für beide Seiten ist und das Risiko auf sich nimmt.

Ein Unternehmen möchte aber natürlich nicht nur Risiko auf sich nehmen, sondern auch Geld verdienen. Wie funktioniert das bei Saloodo?

Diallo: Über eine Vermittlungsgebühr, jedes Mal, wenn ein Kunde einen Auftrag abschließt und dieser durchgeführt wird. Unser Ziel ist es, unseren Service so komfortabel zu gestalten, dass die Kunden diese Gebühr gerne bezahlen.

Der Markt der Frachtplattformen ist in den letzten Monaten und Jahren geradezu explodiert. Arrivierte Player tummeln sich hier genauso wie unterschiedlichste Start-ups. Wie wollen Sie aus dieser Masse an Anbietern hervorstechen?

Diallo: Aus meiner Sicht sind wir die einzige Plattform, die dem Nutzer direkt bei der Einstellung seines Auftrags sagen kann, wie viel dessen Durchführung etwa kosten sollte. Gleichzeitig sagen wir auch den Anbietern, wie viel sie für einen Auftrag verlangen sollten. Das ist unter anderem deshalb wichtig, da beispielsweise das Handels-Ungleichgewicht zwischen verschiedenen Ländern berücksichtigt werden muss. Nehmen Sie beispielsweise Deutschland und England: Ein Transport von England nach Deutschland ist halb so teuer, wie anders herum. Das muss man wissen. Hier greifen wir auf unsere riesige Datenbank zurück, über die wir bereits gesprochen haben.

Tan: Außerdem kennt kaum ein anderes Unternehmen die Welt so gut wie wir. Es genügt hier nicht, sich gut mit Computern und Mathematik auszukennen. Wir wissen an jedem Ort der Welt, wo wir Waren hin liefern können und wie sie dort abgeholt und weiter transportiert werden. Dieses Wissen kommt über Saloodo auch unseren Kunden zugute.

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