Last Mile Management

Paket 4.0 – neue Lösungen für die letzte Meile

| Autor / Redakteur: Wolfgang Keplinger / Bernd Maienschein

Obwohl die Belieferung von Hubs und Endkunden nie so ausdifferenziert war wie heute, haben KEP-Dienste insbesondere in Ballungsräumen ihre Probleme.
Obwohl die Belieferung von Hubs und Endkunden nie so ausdifferenziert war wie heute, haben KEP-Dienste insbesondere in Ballungsräumen ihre Probleme. (Bild: © Adobe Stock/Franck Boston)

Die letzte Meile gilt als größte Herausforderung im Onlinehandel. Die Logistik der Onlinehändler hat in den letzten Jahren enorm aufgerüstet. Vor allem in den Ballungsräumen braucht es aber neue Konzepte, die jenseits des „Weiter-so“ liegen. Verkehre können zwar nicht vermieden, aber zumindest verlagert werden – Beispielansatz Microdepots.

Was vor fünf Jahren noch eine logistische Spitzenleistung war, gilt heute als Standard. Im Zeitalter der logistischen Superlative kann der Paketversand aus der Kundensicht nicht schnell, genau und günstig genug sein. Faktisch betrachtet erbringt die Logistik des Onlinehandels dabei Meisterleistungen der Verfügbarkeit – mit dem Ergebnis, dass aber fast jeder dritte Kunde mit dem Zustellprozess im Onlinehandel unzufrieden ist, wie Studien übereinstimmend zeigen. Dabei erweist sich vor allem die letzte Meile – der mühsame Weg durch das städtische Chaos – als die Achillesferse der Logistiker.

Weg mit der Frustration

Die Freude des Empfängers, der mit einer Zustellung am Tag X rechnet, den Weg des Pakets zu der Zieladresse online verfolgt und dann am Abend aber nicht das Paket, sondern einen Zettel vorfindet, der auf den nächsten Tag verweist, hält sich in engen Grenzen. Die Anzahl der jährlich in Deutschland zugestellten Pakete liegt schon heute bei 3 Mrd., mit zweistellig steigender Tendenz. Was diese Entwicklung gerade in den Ballungsräumen bedeutet, kann man sich bildhaft ausmalen, natürlich auch im Hinblick auf städtische Wohnqualität und ökologische Nachhaltigkeit. Wir brauchen also dringend Ansätze, die jenseits des „Weiter-so“ liegen.

Verlagern der Last-Mile-Logistik – smarte Mikronetzwerke

Kann man die steigende Zahl von Transporten vermeiden, verlagern oder vermindern? Das Wachstum des Onlinehandels nimmt die Option „Vermeiden“ realistischerweise aus dem Spiel. Bei „Verlagern“ gibt es dagegen bereits erste Ansätze, beispielsweise die Etablierung von Mikrodepots in Städten. Von diesen aus werden Pakete mit alternativen Transportmitteln, wie speziellen Transportfahrrädern, E-Bikes oder zu Fuß, auf der letzten Meile zugestellt. Das verringert das Fahrzeugaufkommen auf den Straßen und verlagert die Transporte sowie die notwendigen Parkplätze für die Pakettransporte auf die Fahrradwege und Gehsteige. Dieser alternative Ansatz, der im Kern ein multimodales, logistisches Mikronetzwerk ist, kann und muss mit weiteren technologischen Lösungen kombiniert werden.

Autonome Fahrzeuge, Paketbots und Smart Contracts

Dazu zählt beispielsweise die Nutzung kleiner autonomer Fahrzeuge, Drohnen und Gehweg-tauglicher Zustellroboter, deren Einsatz in mehreren Ländern intensiv getestet wird, darunter auch in Deutschland. Auch „Paketbots“ können den Zusteller auf dem Gehweg begleiten sowie die Last transportieren und somit den Zusteller ergonomisch entlasten. Weitere, mit diesem Konzept kombinierbare Möglichkeiten liegen in der Definition neuer Übergabeplätze und -prozesse. Dazu zählen etwa die Anlieferung direkt in den Kofferraum des Kunden oder abschließbare Paketboxen in Mehrfamilienhäusern. Modelle, die auch als vielversprechende Anwendungen der auf der Blockchain-Technologie basierenden Smart Contracts gelten. Zudem sind digital unterstützte Ansätze aus der Crowd Economy denkbar, die das Mitnehmen von Paketen für Nachbarn durch ein Bonussystem belohnen.

City Hubs & Es kann nur einen geben

Um das Transportaufkommen zu vermindern, sind dagegen deutlich radikalere Lösungen notwendig. Wer vormittags in der Innenstadt unterwegs ist, kennt das Bild: Zustellfahrzeuge von DHL, DPD, Hermes, UPS und weiteren Diensten stehen, fröhlich warnblinkend, in der gleichen engen Straße – nicht selten sogar vor den gleichen Shops und Empfangsbereichen der gleichen Geschäftskunden.

Diese offensichtliche verkehrsplanerische und ökologische Ineffizienz ließe sich durchaus verbessern – wenn man, mit Bertolt Brecht gesprochen, „das immerfort Vorkommende nicht natürlich“ fände. Eine mögliche Lösung bestünde beispielsweise darin, einzelne Straßen beziehungsweise Zustellbereiche in die Hand bestimmter Paketdienstleister zu legen. Kombinierte man die Anlieferung der Pakete noch mit der Anlieferung von anderen Waren, ließe sich die Zahl der Fahrzeuge sogar noch weiter reduzieren.

Dieses (durchaus nicht neue) Konzept würde allerdings die Etablierung von Dienstleister-unabhängigen City Hubs und hoheitlichen Zustellregionen voraussetzen. Gefordert sind dabei insbesondere die Städte, die ein Interesse daran haben, einen Verkehrskollaps der Innenstadtbereiche zu vermeiden. Die Errichtung solcher City Hubs, die in digitale Stadtplattformen eingebunden sein könnten, müsste natürlich auf einem Modell basieren, das weder die Wettbewerbsregeln verletzt noch zu Monopolproblemen oder Rechtsstreitigkeiten mit Zulieferern führt.

* Dr. Wolfgang Keplinger ist Senior Expert bei der ROI Management Consulting AG in 80797 München, Tel. (0 89) 12 15 90-0, keplinger@roi.de

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