Deutsche Seenotrettung Hightech-Schiffe im Dienste des Menschen

Redakteur: Jürgen Schreier

Selbst die jüngste Generation von Seenotkreuzern orientiert sich an Konstruktionsprinzipien des 1955 in Dienst gestellten Versuchskreuzers „Hermann Apelt“. Allerdings sind die aktuellen Schiffe vollgepackt mit modernster Antriebs-, Navigations- und Rettungstechnik.

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„Cruise by wire“: Wie der Airbus, so wird auch der Seenotkreuzer „Hermann Marwede“ per Joystick gesteuert. DGPS und drei ECDIS (elektronische Seekarten) mit Radar–Overlay helden beim Navigieren.
„Cruise by wire“: Wie der Airbus, so wird auch der Seenotkreuzer „Hermann Marwede“ per Joystick gesteuert. DGPS und drei ECDIS (elektronische Seekarten) mit Radar–Overlay helden beim Navigieren.
( Archiv: Vogel Business Media )

In der Elbmündung kollidieren im dichten Schneesturm zwei Containerschiffe. Nordöstlich von Rügen kentert im Orkan eine Fähre in der aufgewühlten Ostsee. Flensburger Förde: Ein Passagier auf einem Fahrgastschiff erleidet einen Herzinfarkt. Vor der Weser treibt ein Fischkutter manövrierunfähig auf die gefährlichen Untiefen der Nordergründe zu. Höhe Fehmarn meldet die Crew einer Segelyacht Ruderschaden; das Schiff kann nicht mehr gesteuert werden. Hinter diesen Fällen, die sich so oder so ähnlich Jahr für Jahr auf See zutragen, verbirgt sich nicht selten unermessliches menschliches Leid.

Wann immer in unseren Gebieten von Nord- und Ostsee Menschen in Gefahr sind, kommt die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger – kurz: DGzRS – zum Einsatz. Die DGzRS mit Sitz ihrer Zentrale in Bremen ist zuständig für den Such- und Rettungsdienst (SAR = Search and Rescue) im Seenotfall. Die Gesellschaft führt diesen SAR-Dienst unabhängig, eigenverantwortlich und auf privater Basis durch. Sie kann auf eine lange bewegte und zugleich bewegende Geschichte zurückblicken.

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November 1854: Vor Spiekeroog strandet im schweren Herbststurm das Auswandererschiff „Johanne“. 84 Menschen ertrinken in der tosenden See. Sechs Jahre später, im September 1860: Die Brigg „Alliance“ läuft auf das gefürchtete Borkum-Riff und sinkt. Von der Besatzung des Seglers bleibt niemand am Leben. Von derartigen Katastrophen berührt, fordern der Navigationslehrer Adolph Bermpohl und der Advokat C. Kuhlmay aus Vegesack in einem Appell an die Bevölkerung erstmals die Gründung eines Seenotrettungswerks in Deutschland. Sie finden Mitstreiter in dem Bremer Redakteur Dr. Arwed Emminghaus und dem Emder Oberzollinspektor Georg Breusing. Am 29. Mai 1865 wird in Kiel schließlich die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger offiziell ins Leben gerufen.

Zur Erfüllung ihrer vielfältigen Aufgaben verfügt die Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger heute über eine Rettungsflotte von 61 modernen Seenotkreuzern und Seenotrettungsbooten. Mit der „Theodor Heuss“ wurde am 12. Februar 1957 der erste Seenotkreuzer der DGzRS getauft und mit dieser ein schiffbaulich wie rettungstechnisches Konzept entworfen, das einen Wendepunkt in der Flotte des deutschen Seenotrettungswerkes markierte.

Umfassende praktische Erkenntnisse, die zuvor mit den Versuchs-Seenotkreuzern „Bremen“ und „Hermann Apelt“ gesammelt worden waren, flossen in die Neukonstruktion ein, die auf der Schweers-Werft (heute: Lürssen Bardefleth) Gestalt annahm.

Neue Wege in der Konstruktion

Konstruktiv stellte die „Theodor Heuss“ einen schiffbautechnischen Meilenstein ihrer Zeit dar und ihr elegantes Erscheinungsbild erregte Aufsehen in der Öffentlichkeit und in den Medien. Ihre drei Motoren mit einer Gesamtleistung von 1750 PS ermöglichten eine Höchstgeschwindigkeit von 20 Knoten. Die Navigations- und Kommunikationsanlagen entsprachen dem Stand der Zeit. Wie alle späteren Seenotkreuzer der DGzRS war auch die „Theodor Heuss“ als Selbstaufrichter konstruiert.

Stationiert war die das GGzRS-Flaggschiff zunächst auf der ostfriesischen Insel Borkum und anschließend von 1963 bis zur Außerdienststellung in Laboe an der Kieler Förde. Nach 28 aktiven Jahren im Rettungsdienst wurde die „Theodor Heuss“ 1985 an einen privaten Eigner verkauft.

Insgesamt 29 Seenotkreuzer mit Tochterbooten hat die DGzRS seit 1957 in Dienst gestellt. Den aktuellen Stand der Technik markiert die „Hermann Marwede“, die angetrieben von drei MTU-Dieselmotoren mit über 4700 kW, auf 25 Knoten beschleunigt und über eine umfangreiche Rettungsausrüstung, darunter ein Bordhospital, verfügt. Doch schon in diesem Sommer soll der Bau einer neuen Klasse von 20-m-Seenotkreuzern beginnen. Ausgestattet mit moderner Bus-Technik, wie man sie von Luftfahrttechnik her kennt, folgen sie trotzdem dem schiffbaulichen und rettungstechnischen der Konzept der „Theodor Heuss“.

DGzRS: Bei 2001 Einsätzen 601 Menschen gerettet

Die 185 bei der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (GDzRS) fest angestellten und rund 800 freiwilligen Rettungsmänner und -frauen sind bei jedem Wetter, an 365 Tagen im Jahr, rund um die Uhr zum Einsatz bereit. Alle Search-and-Rescue-Maßnahmen werden von der Seenotleitung Bremen der DGzRS (MRCC Bremen = Maritime Rescue Co-Ordination Centre) zentral koordiniert und überwacht.

Allein 2006 haben die Seenotretter 2001 Einsatzfahrten durchgeführt und dabei 91 Menschen aus Seenot sowie weitere 510 Personen aus kritischer Gefahr befreit. Seit Gründung des Rettungswerks verdanken 73 487 Schiffbrüchige ihr Leben dem schnellen und selbstlosen Eingreifen der Seenot-retter. Allerdings: 45 Rettungsmänner sind in dieser Zeit im Einsatz auf See geblieben.

Die Arbeit des deutschen Seenotrettungsdienstes wird nur durch freiwillige Mitgliedsbeiträge und Spenden aus allen Teilen des Landes finanziert. Die DGzRS, deren Schirmherr der Bundespräsident ist, beansprucht zur Erfüllung ihrer Aufgaben keine Steuergelder.

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