Digitale Logistik

Paletten tauschen im digitalen Zeitalter

| Autor / Redakteur: Gabriel Sieglerschmidt / Jonas Scherf

Ordentlich gestapelte Paletten tun so, als wären sie die Unschuld vom Lande.
Ordentlich gestapelte Paletten tun so, als wären sie die Unschuld vom Lande. (Bild: Flickr)

Der Palettentausch ist für Logistikunternehmen oftmals Fluch und Segen zugleich. Damit die vielseitigen Ladeträger möglichst dort bereitstehen, wo sie zum Einsatz kommen, werden sie sinnvollerweise getauscht – und da fangen die Probleme meist an.

Das Prinzip des Palettentauschs beruht auf der Zirkelwirtschaft. Wird eine Fracht auf 30 Europaletten angeliefert, erhält der Frachtführer 30 Europaletten im Tausch zurück. Im Idealfall übergibt er die leeren Paletten beim nächsten Kunden im Tausch gegen eine Fracht, die auf wiederum 30 Europaletten gepackt wird. Das Prinzip ermöglicht in der Theorie einen reibungslosen Austausch von Lademitteln.

Der Palettentausch birgt Fallgruben

Nur selten erhält ein Frachtführer genau die Anzahl an Leerpaletten, die bei der nächsten Beladestelle abgegeben werden sollen. Häufig kommt es zu "Palettenschulden", die später ausgeglichen oder verrechnet werden müssen. Ohnehin ist es mit einem einfachen Hin und Her nicht getan: Beim Palettentausch muss die Anzahl ebenso festgehalten werden wie die Qualität der Holzträger. Da an der Rampe für die Qualitätsprüfung nur wenig Zeit bleibt, kann es über die Qualität der Paletten zu Differenzen kommen. Missstände über minderwertige Paletten müssen daher genau dokumentiert werden.

Seit 2014 existiert für die Qualifizierung von Paletten eine feste Typenbeschreibung - erstellt von der neutralen Plattform GS1. Damit lassen sich Paletten in gebrauchsfähige und nicht-gebrauchsfähige Klassen einteilen. Die Typisierung ermöglicht eine schnelle Einordnung der Palettenqualität in die Klassen NEU, KLASSE A, B oder C sowie die Klasse NICHT GEBRAUCHSFÄHIG. Der früher übliche Begriff "tauschfähig" wurde durch "gebrauchsfähig" ersetzt, um mehr Klarheit an der Rampe zu schaffen.

Klassifizierung von Ladeträgern laut GS1

NEU: Gebrauchsfähig für Lagerung, Transport und die Beförderung auf Roll- und Kettenförderern (auch hochregallagerfähig)

KLASSE A: Gelten als ebenso gebrauchsfähig wie neue Paletten. Sie dürfen leichte Gebrauchsspuren aufweisen, jedoch nicht verschmutzt sein. Es gibt keine Anhaftungen, keine Absplitterungen des Holzes. Die Eckklötze sitzen korrekt, die Eck-Kennzeichen sind gut lesbar. Klasse-A-Paletten dürfen bereits lizenziert repariert worden sein.

KLASSE B: Gelten als ebenso gebrauchsfähig wie neue oder A-Paletten. Zu erkennen ist eine Palette der Klasse B typischerweise am nachgedunkelten Holz und den Gebrauchsspuren. Ansonsten gelten die gleichen Kriterien wie bei Klasse A.

KLASSE C: Nur noch gebrauchsfähig für Lagerung und Transport. Das Holz ist typischerweise dunkel, es darf Gebrauchsspuren und auch Oberflächenfeuchtigkeit aufweisen. Zulässig sind hier auch Verunreinigungen - allerdings nur, wenn sie nicht ans Ladegut abgegeben werden können. Toleriert werden zudem Absplitterungen und ein leichtes Verdrehen der Eckklötze. Anhaftungen an der Palette sind kein Grund, sie als nicht mehr gebrauchsfähig zu kategorisieren (das war vor 2014 anders). Werden die Anhaftungen entfernt, kann die Palette u. U. auch wieder höher klassifiziert werden.

NICHT GEBRAUCHSFÄHIG: Diese Paletten müssen erst repariert werden, ehe sie wieder im offenen Tauschpool eingesetzt werden dürfen. Die Reparatur ist nur durch lizenzierte Betriebe zulässig.

Digitales Palettentauschmanagement spart Kosten

Der von Palettendienstleistern wie EPAL oder WORLD verwendete Begriff des Europalettentauschpools führt oft zu Missverständnissen: Er suggeriert fälschlicherweise, dass es sich um ein geschlossenes System mit einer zentralen Anlaufstelle handelt. Ein Palettentausch beruht immer auf einer Individualvereinbarung. Paletten müssen nicht getauscht werden; es ist auch möglich, die Paletten zu mieten oder weiterzuverkaufen.

An der Notwendigkeit, den Zustand der Paletten zu dokumentieren, ändert dies nichts. Klassisch wird zur Dokumentation ein Palettenschein ausgestellt. Vordrucke sehen dabei oft nur die Angaben über Be- und Entladestelle sowie die Anzahl der getauschten Paletten vor. Mängel müssen gesondert festgehalten werden. In der Papierform bringt ein Palettentausch dadurch nicht selten eine wahre Papierflut mit sich - bei der fortschreitenden Digitalisierung im Supply Chain Management ein immer größeres Ärgernis.

GS1 plant daher einen Palettenschein, der neben einer einheitlichen Dokumentation auch den Handel mit Palettenscheinen ermöglicht. Palettenschulden wären einfach übertragbar und könnten von Dritten eingelöst werden. Um diese Anforderungen zu realisieren, soll der digitale GS1-Palettenschein mit folgenden Features ausgestattet sein:

    • ID-Nummer mit Barcode für digitale Lesegeräte
    • Name und Adresse des Schuldners
    • Daten des Tauschvorgangs
    • Lademittelbezeichnung
    • Geltungsdauer / Frist bis zur Herausgabe der Paletten
    • Unterschrift der Beteiligten

Ob der GS1-Palettenschein tatsächlich kommt, ist noch unklar. Andere Ansätze sind ganzheitlicher, wie der Blick auf die Möglichkeiten zeigt, die moderne, digitale Speditionen bieten: Die Transport-Organisation erfolgt hier komplett digital. Notwendige Angaben über den Palettentausch werden in einem Transport-Journal unkompliziert und papierfrei festgehalten. Schadhafte Paletten können einfach abfotografiert werden. Sobald das Foto hochgeladen wurde, ist es allen Beteiligten in Echtzeit zugänglich. Der administrative Aufwand wird in der digitalen Spedition auf ein Minimum zurechtgestutzt - kräftige Kostensenkungen inklusive.

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