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Supply-Chain-Management Transparente Lieferketten für Klima und Wirtschaft

| Autor / Redakteur: Jörg Walden / Dipl.-Betriebswirt (FH) Bernd Maienschein

Der Klimawandel ist eines der beherrschenden Themen in Medien, Wirtschaft und Politik. Die Bundesregierung arbeitet an neuen Gesetzen und Konzepten, wie dem Klimapaket, der Rohstoffsicherheit und sozialen Standards in der Lieferkette. Wer sich mit Blick auf Klimarisiken indes nur auf die Produktion und den Ausstoß von Kohlendioxid während der Produktnutzung konzentriert, springt zu kurz. Denn ein hoher Anteil der Emissionen entsteht bereits bei den vorgelagerten Lieferketten.

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Dringend notwendig ist umfassende Transparenz, die den gesamten Procuct Life Cycle abbildet und nachvollziehbar macht, um Einsparpotenziale aufzuspüren und zu heben.
Dringend notwendig ist umfassende Transparenz, die den gesamten Procuct Life Cycle abbildet und nachvollziehbar macht, um Einsparpotenziale aufzuspüren und zu heben.
(Bild: iPoint)

Das trifft besonders Industrien mit hochkomplexen Lieferketten wie die Automobilwirtschaft, Elektronik, Medizintechnik, Luftfahrt sowie deren Zulieferer. Den Ergebnissen einer aktuellen Studie zufolge fallen in der Automotive-Branche 87 % der Treibhausgas-Emissionen bereits entlang der Lieferkette an. Ähnlich ist die Situation auch bei neuen Technologien, wie der Herstellung von Lithium-Ionen-Batterien für Elektrofahrzeuge, die sonst als klimaschonend gelten. Während Elektroautos laut Zahlen von Daimler im Vergleich zum Verbrennungsmotor, im Fahrbetrieb mit einem Strommix betrieben, 65 % CO2 einsparen, verursacht die Herstellung 80 % mehr Ausstoß. Dadurch sind Elektroautos zwar insgesamt energieeffizienter. Allerdings rücken Emissionen, die entlang der Lieferketten entstehen, noch stärker in den Fokus.

Es ist jedoch ein schwieriges Unterfangen, den CO2-Ausstoß entlang des gesamten Wertschöpfungsprozesses festzustellen, da dieser oft hochkomplex ist. Beispiel Automobilindustrie: Wenn sich in einem Auto rund 2500 Bauteile befinden, die aus etwa 1 Mio. chemischer Komponenten bestehen, dann kann eine Lieferkette in der Automobilindustrie zwischen sieben und 13 Ebenen aufweisen. Diese enorme Anzahl von Einzelteilen macht es nicht nur schwierig, festzustellen, welche Baustücke wo und wann verarbeitet wurden, sondern auch wie viel CO2 wo entstanden ist.

Internationaler Business Case

Dies betrifft auch die verarbeitende Industrie. Das Erfassen und Abgleichen aller einzelnen Materialströme sowie die jeweiligen Supplier und die genaue chemische Zusammensetzung der gelieferten Materialien und Produkte zu hinterlegen, ist sehr aufwendig, wie ein Business Case mit einem international agierenden Fortune-500-Industrieunternehmen zeigt.

Echte Systemintegration umfasst das Sammeln von Daten, deren Management und Analyse sowie das fundierte Reporting.
Echte Systemintegration umfasst das Sammeln von Daten, deren Management und Analyse sowie das fundierte Reporting.
(Bild: iPoint)

Umfassende Transparenz, die den gesamten Produktionszyklus abbildet und nachvollziehbar macht – von der Rohstoffgewinnung über die Produktion bis hin zur Nutzung und der anschließenden Recycling- beziehungsweise Entsorgungsphase –, ist daher dringend notwendig. Nur, wenn Unternehmen alle Stufen des Lebenszyklus eines Produktes aufschlüsseln, können diese auf CO2-Einsparungspotenziale überprüft und optimiert werden. Mittels einer solchen konsequenten, umfassenden und transparenten Erfassung des gesamten Produktzyklus können zudem Prozesse verbessert und gesetzliche Vorschriften eingehalten werden.

E-Mails und Excel-Sheets überfordert

Vielerorts mangelt es jedoch noch an der nötigen Transparenz. Hier geht es im Kern um zwei Herausforderungen: Oftmals existiert noch keine zentrale Datenbank oder offene Industrieplattform, in welcher alle relevanten Informationen zusammengetragen sind. Selbst wenn diese vorhanden ist, werden Daten teils noch mithilfe von E-Mails abgefragt oder von Excelsheets abgeglichen, obwohl diese die Komplexität der Sourcing-Ströme nicht mehr festhalten und darstellen können. Tracking und Traceability sind gerade in der Logistikbranche wichtig, die zahlreiche und komplexe Lieferketten managen muss. In einer zentralen Datenbank die Menge an Informationen zu Zulieferketten und Produktionsschritten, sowohl die eigenen als auch die der anderen, zusammenzutragen, wäre daher vorteilhaft.

Von technischer Seite lässt sich dieses Problem jedoch bereits heute durch die Schaffung von digitalen Zwillingen auflösen. Diese spiegeln das physische Produkt, stellen also dar, aus welchen Rohstoffkomponenten ein Bauteil besteht und woher diese kommen. Zudem aktualisieren sie sich in Echtzeit, geben somit zu jedem Zeitpunkt Auskunft zu den verwendeten Stoffen. Bei der Schaffung von Transparenz geht es jedoch nicht darum, Lieferantenbeziehungen von Unternehmen offenzulegen. Diese Geschäftsgeheimnisse, die für den Unternehmenserfolg wichtig sind, gilt es unbedingt zu schützen. Eine Option, Transparenz und Sicherheit von Daten zu schaffen, stellt auch der Einsatz der Blockchain-Technologie dar. Zum jetzigen Zeitpunkt ist dies die effektivste Methode, Daten kryptografisch und verifiziert abzusichern und Zugriffsrechte individuell zu verwalten.

Neue Geschäftsmodelle entstehen

Transparenz und Datensicherheit bieten aber nicht nur die Möglichkeit, Prozesse innerhalb der Produktion zu optimieren. Sie bereiten zudem den Weg für neue Geschäftsmodelle, zum Beispiel Reverse Logistics oder Closed Loops, da durch die ständige Erfassung aller Rohstoffe diese besser in die Produktion zurückfließen können. Ein Beispiel dafür ist ein Projekt von Philips. Der Elektronikkonzern bietet dem Flughafen in Amsterdam Lichtkapazität zur Miete anstatt Lampen zum Verkauf. Dieses Konzept macht es notwendig, Lampen besonders ressourcenschonend, funktional und langlebig zu designen. Eine andere Vorgehensweise verfolgt Caterpillar. Das Unternehmen erneuert komplette Motoren oder Teile davon und verkauft sie als sogenannte „Remanufactured“-Ersatzteile. Günstige Teile gibt es jedoch nur im Austausch gegen gebrauchte Komponenten zu kaufen. Auch hier ist es zielführend, Produkte so zu designen, dass sie zum Schluss leicht repariert und recycelt werden können.

Damit rückt das Konzept einer digitalen Kreislaufwirtschaft in den Fokus, das bereits in der Produktdesignphase alle benötigten Ressourcen, deren Beschaffung, die anschließende Verarbeitung sowie die Lebensdauer der Materialien mitberücksichtigt. Nur so können Rohstoffe optimal beim Recycling extrahiert werden, um anschließend in den Produktionszyklus zurückfließen zu können. Diese Wiederverwertung schafft neue Werte und bringt erhebliche wirtschaftliche Vorteile, die zu Innovationen, Wachstum und neuen Arbeitsplätzen führen. So beeinflussen digitale Lieferketten und zirkuläre Ansätze Unternehmen, Logistik und die Art, wie Menschen und Maschinen in diese neuen Arbeitsweisen integriert werden.

Diese Schonung von Ressourcen ist besonders für neue Technologien wichtig. Gerade etwa im Automobil- und Elektroniksektor werden beispielsweise seltene Erden stark nachgefragt; darunter besonders Spezialstoffe wie Lithium, Graphit und Kobalt. Für eine ressourcenschonendere Produktion ist es sinnvoll, Rohstoffe effektiv wiederzuverwerten, um damit den Bedarf an Primärrohstoffen zu senken. ■

* Jörg Walden ist CEO bei der iPoint-Systems GmbH in 72760 Reutlingen, Tel. (0 71 21) 14 48 96-0, contact@ipoint-systems.com

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