Verpackungstechnik Weltmarkt statt Nischen

Autor / Redakteur: Claudia Treffert / Dipl.-Betriebswirt (FH) Bernd Maienschein

Noch besetzen Verpackungslösungen aus Biokunststoffen Nischen auf dem weltweiten Anwendermarkt. Aber mit günstigen Rahmenbedingungen prognostizieren Experten einen explosionsartigen Anstieg der Nachfrage – auch und gerade dank innovativer Materialien.

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Die kristallklare Bioverpackung lässt Erdbeeren frisch aussehen und hält sie zudem länger frisch. Bild: Treofan
Die kristallklare Bioverpackung lässt Erdbeeren frisch aussehen und hält sie zudem länger frisch. Bild: Treofan
( Archiv: Vogel Business Media )

Auf der diesjährigen Fachpack suchte man vergeblich nach dem Industrieverband der Hersteller, Verarbeiter und Anwender von Biokunststoffen, European Bioplastics (vormals IBAW), Berlin. „Das hat nichts mit fehlender Wertschätzung der Messe zu tun“, stellt Harald Kaeb, Vorstandsvorsitzender des Verbandes klar.

Sicher, das was die Berliner zur Interpack im letzten Jahr zusammen mit ihren Mitgliedern auf die Beine brachten, war überaus erfolgreich – und sehr aufwändig. Die organisatorischen Ressourcen der mit 63 Mitgliedern noch relativ kleinen Interessenvertretung kämen schnell an ihre Grenzen, wollte sie auf jeder interessanten internationalen Messe auftreten.

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Doch ganz ohne Messen ging es auch dieses Jahr nicht. So informierte der Verband mit einer Fachveranstaltung auf der Biofach im Februar die Besucher der Messe zum Thema „Biopackaging – added value for organic food suppliers“. Und auf dem vom Verbandsmitglied C.A.R.M.E.N. (Centrales Agrar-Rohstoff-Marketing- und Entwicklungs-Netzwerk), Straubing, organisierten Gemeinschaftsstand zeigten Hersteller von Verpackungen aus Biokunststoffen und biologisch abbaubaren Werkstoffen neue Werkstoffkombinationen und Verpackungslösungen für ökologisch erzeugte Lebensmittel.

„Die Messe ist für uns ausgesprochen interessant.“ Nach Kaebs Einschätzung muss man das ganz klar so sehen, passen Biokunststoffe zu Biolebensmitteln doch wie der Topf zum Deckel.

Kompostierbare Verpackung erleichtert Entsorgen verdorbener Ware

Die Ökobranche weiß es zu schätzen, dass sich die im Allgemeinen kurzlebigen Verpackungen für Lebensmittel restlos kompostieren lassen. Das erleichtert insbesondere den (Super-) Märkten das Entsorgen verdorbener Ware, denn statt mit hohem Aufwand Inhalt und Verpackung trennen zu müssen, können sie beides zusammen zum Kompostieren geben. Dass darüber hinaus solche Verpackungen teilweise aus nachwachsenden Rohstoffen bestehen, liefert den Kommunikations-Managern der Biounternehmen ein weiteres Vermarktungsargument, das sie gern aufgreifen.

Im hiesigen Einzelhandel sieht es derzeit noch etwas anders aus. Dort gibt man sich zurückhaltend, wenn es um Verpackungen aus Biokunststoffen geht. Ob Aldi, Edeka oder Rewe: Getestet haben sie sie alle schon – der eine über einen kürzeren, der andere über einen längeren Zeitraum. Und die weltweit erste Kunststoff-Flasche, die vollständig aus biologisch abbaubaren Werkstoffen besteht, hat die Drogeriemarktkette „Ihr Platz“ im Programm.

Aber insgesamt betrachtet, gibt es bei den Handelsketten hier zu Lande nur wenig Bereitschaft, die Verpackung kompletter Produktlinien dauerhaft umzustellen und das in der Öffentlichkeit deutlich zu kommunizieren.

Dagegen haben sich in anderen europäischen Ländern große Supermarktketten längst entschieden. Mit ihrem Interesse pushen sie die Bioverpackungen und bescheren dem Biokunststoff-Markt einen – kleinen – Höhenflug. So informierte das britische Handelsunternehmen Sainburys unlängst die Presse darüber, dass mittelfristig ganze 500 Produktlinien auf Bioverpackungen umgestellt werden.

Auch Märkte wie Delhaize (Belgien), IPER (Italien), Albert Heijn (Niederlande) oder Migros (Schweiz) vermarkten ganz offensiv, dass sie ein Teil ihres Sortiments in Bio verpacken. Vor dem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass Patrick Gerritsen, Business Unit Manager bei der zur Storsack-Gruppe gehörenden Natura Verpackungs GmbH, erklärt: „Wir erzielen inzwischen im Export rund zwei Drittel unseres Umsatzes.“

Umweltfreundliche Verpackungen sind Exportschlager

Für den in Rheine ansässigen Hersteller von umweltfreundlichen Verpackungen wie Beutel, Netze oder Schalen gehören die Niederlande und Großbritannien zu den wichtigsten Absatzmärkten. Aber auch in Frankreich und der Schweiz wächst die Zahl der Kunden deutlich.

Ein wesentliches Argument für die Nutzer von Bioverpackungen ist deren Funktionalität. Beispielsweise hält die hohe Wasserdampf-Durchlässigkeit einiger Folien aus Biokunststoffen Obst und Gemüse sowie Brot und Brötchen länger frisch, und die hohe Fettbeständigkeit kommt zum Beispiel bei Verpackungen für Molkereiprodukte zum Tragen.

Wobei Harald Kaeb die aktuelle Situation nicht schönreden will: „Momentan besetzen wir mit Verpackungslösungen aus Biokunststoffen noch Nischen. Aber in den Nischen sind Bioverpackungen den konventionellen funktionell überlegen.“

Da spielen vor allem Barriereeigenschaften eine Rolle, die durch geschicktes Kombinieren von bereits kommerzialisierten Biowerkstoffen untereinander und mit anderen Materialien (zum Beispiel Papier oder Pappe) an diejenigen von konventionellen Kunststoffen herankommen oder sie sogar überflügeln.

Ganz ohne Zweifel erweitern Mehrschichtmaterialien oder metallisierte Polymilchsäure- (PLA-) Folien, wie sie unter anderen die Treofan-Gruppe, Raunheim, herstellt, das Anwendungs- und damit das Anwenderspektrum. Solche Entwicklungen bilden die Basis, dass Biokunststoffe mittelfristig aus ihrer Nische herauskommen und auf dem Markt – insbesondere auf dem Verpackungsmarkt – breite Akzeptanz finden.

Richtige Rahmenbedingungen der Politik können die Investitionen absichern

Experten schätzen das technische Nutzungspotenzial von Biokunststoffen auf rund 10% des heutigen Kunststoffmarkts. Bei Wegwerfverpackungen rechnen sie sogar damit, dass sich davon europaweit die Hälfte aus Biokunststoffen herstellen lässt. Um das zu erreichen, sind Milliardeninvestitionen in neue und vor allem größere Produktionsanlagen notwendig.

Für den Vorstandsvorsitzenden der in Dresden ansässigen Biop Biopolymer Technologies AG, Frits P. E. A. de Jong, steht fest: „Das einzige Hemmnis der weiteren Verbreitung sind nicht ausreichende Produktionsmengen.“ Der Hersteller eines Rohstoffs für Kunststoffe auf Basis nachwachsender Werkstoffe, vor allem aus Kartoffelstärke, hat daraus für sich die Konsequenz gezogen: Derzeit entsteht ein neues Werk in Schwarzheide, mit dem pro Jahr 10000 t des Materials produziert werden können und das im späten Frühjahr 2007 in Betrieb gehen soll.

Wie hoch die Risiken sind, die in die Produktion von Biokunststoffen investierende Unternehmen eingehen, lässt sich nicht genau abschätzen. Doch sie bestehen zweifellos, da der Markt erst am Anfang seiner Entwicklung steht. Hier mit passenden Rahmenbedingungen die Markteinführungsphase zu unterstützen, ist Sache der Politik.

Mit der seit Mai 2005 geltenden Privilegierung von Bioverpackungen in der Verpackungsverordnung ist in Deutschland ein erstes positives Zeichen gesetzt worden. Und wenn für die nächsten zwei bis drei Jahre weitere weltweite Fördermaßnahmen den Marktaufbau erleichtern, indem sie potenziellen Investoren eine größere Sicherheit geben, könnten sich – nach Einschätzung des Verbandes – Biokunststoffe in fünf bis zehn Jahren etabliert haben.

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