Hintergrund Automatisierung für den Q-Commerce

Von Robert Weber

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Marco Prüglmeier hat jahrelang die Logistik von BMW mitverantwortet. Jetzt will er mit Noyes Technologies die Zustelllogistik in den Städten revolutionieren. Das interessiert auch den Intralogistiker. Witron-Geschäftsführer Helmut Prieschenk hat den Gründer nach Parkstein eingeladen.

Omnichannel: Kommissionierung von Kundenbestellungen direkt in den Versandkarton.
Omnichannel: Kommissionierung von Kundenbestellungen direkt in den Versandkarton.
(Bild: Witron )

Die Idee von Prüglmeier und seinem Team von Noyes: ein robotisiertes Lagersystem, Miniwarenlager oder Nano-Warehouses für den Q-Commerce (Quick Commerce) in den Städten. „Wir wollen nicht das Lager außerhalb der Stadt neu erfinden“, erklärt Prüglmeier. Der Münchner will eine Ware-zur-Person-Funktionalität in sein kleines Lager integrieren und setzt auf eine „sehr dichte Lagerung“, denn die Flächen in der Stadt kosten mehr Geld. Dazu kommt: In Paris gebe es kaum mehr Flächen für die Lieferdienste, wie beispielsweise Gorillas und Co. Technologisch setzt er auf kleine Roboter (35 Zentimeter × 35 Zentimeter), die auf verschiedenen Regalebenen fahren – gefertigt im Libanon. Prüglmeier war viele Jahre Logistikmanager bei BMW und viele seiner Mitarbeitenden, Studentinnen und Studenten aus der Zeit kamen aus dem Libanon. „Da sind gemeinsam Ideen entstanden und die Kontakte sind geblieben.“

Marco Prüglmeier, GF Noyes: „Alles, was unter zwei Stunden geliefert werden soll, kriegt man nur hin, wenn die Ware schon in der Stadt ist.“
Marco Prüglmeier, GF Noyes: „Alles, was unter zwei Stunden geliefert werden soll, kriegt man nur hin, wenn die Ware schon in der Stadt ist.“
(Bild: Noyes )

Die Intelligenz sitzt in der Steuerung der Roboter auf den Ebenen. Helmut Prieschenk erinnern die Roboter aus dem Libanon an Shuttles. „In diese Richtung geht es. Aber je dezentraler man eine Lösung denkt, umso mehr muss ich die Automatisierung anders denken. Wir müssen an die Lautstärke in den Läden denken, an verwinkelte Querschnitte und die Instandhaltung“, erklärt Prüglmeier. Die Herausforderungen in den kleinen Ladenlokalen für Q-Commerce-Unternehmen: Lagerfläche. „Die reicht oft nicht aus. Wir schaffen es, die Artikel dicht zu lagern“, versichert der Gründer. „Es ist aber nicht nur die Metropole, die uns Logistiker und unsere Kunden vor Herausforderungen stellt. Auch auf dem Land müssen neue Versorgungskonzepte her. Nachbarschafts-Stores oder Supermärkte ohne Personal sind bald Realität“, prophezeit Witron-CEO Helmut Prieschenk.

Gefahr der Atomisierung

Auch Witron spürt die Nachfrage der Retail-Kunden nach Lösungen für den Q-Commerce. „Selbstverständlich sprechen uns unsere Retail-Kunden darauf an – beschäftigen sich permanent mit möglichen neuen Vertriebswegen. Doch das Hauptgeschäft, der Löwenanteil, passiert im Lebensmitteleinzelhandel aktuell – unterschiedlich je nach Land – im Schnitt noch zu 90 Prozent in den Filialen und die restlichen 10 Prozent verteilen sich dann auf ganz unterschiedliche Channels und Technologien. Da wird es sicherlich auch eine Marktbereinigung geben“, ist sich der Witron-CEO sicher. Auf der einen Seite erlebe man die Spreizung in der Technik und auf der anderen würden die Kunden die Fragen stellen, wie sich die neuen Geschäftsprozesse rechnen und wie nachhaltig diese seien. „Gefährlich wäre eine Atomisierung. Es gilt, über die gesamte Supply Chain, für alle Vertriebswege – Filiale, Click + Collect, Home-Shopping und Smart Stores –, ganzheitlich end-to-end zu denken. Im Optimalfall noch dazu rückwärts, also vom Endkunden in das Verteilzentrum. Wir müssen Transportwege maximal bündeln und daher im Vorfeld Lieferaufträge bestmöglich konsolidieren. Grundsätzlich ist es aber immer entscheidend, für welche Dienstleistungen der Kunde bereit ist zu bezahlen – und vor allem wie viel.“ Dem stimmt der Gründer Prüglmeier zu. Es sei wichtig, in Gesamtzusammenhängen zu denken.

Witron-Geschäftsführer Helmut Prieschenk: „Es gilt, über die gesamte Supply Chain, für alle Vertriebswege – Filiale, Click + Collect, Home-Shopping und Smart Stores –, ganzheitlich end-to-end zu denken.
Witron-Geschäftsführer Helmut Prieschenk: „Es gilt, über die gesamte Supply Chain, für alle Vertriebswege – Filiale, Click + Collect, Home-Shopping und Smart Stores –, ganzheitlich end-to-end zu denken.
(Bild: Witron )

„Alles, was unter zwei Stunden geliefert werden soll, kriegt man nur hin, wenn die Ware schon in der Stadt ist“, erklärt Prüglmeier. Deshalb brauche es urbane Lagersysteme. Paletten will das Team dort nicht. Kartons, Behälter oder Kleinladungsträger favorisieren die Noyes-Techniker. Das Logistikzentrum vor der Stadt kommissioniert für die dezentrale Einheit und beliefert die kleinen Hubs in der Innenstadt. Die einzelnen Boxen des Nanolagers werden eingelagert und kommen „bedarfsgerecht zum Picker wieder herausgefahren“, verspricht Prüglmeier. Und der Gründer schaut schon voraus: „Im zweiten Schritt denken wir an ein Item-Picking mit Robotern.“

Bots statt Fahrer?

Prieschenk ist die Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells wichtig: „Unsere Kunden fordern das im Bereich Umwelt, aber auch im Sozialen. Das Geschäft kann nicht auf Kosten der Fahrer gemacht werden. Der Business Case muss technisch vernünftig sein, er muss sich wirtschaftlich rechnen und er muss ergonomisch, ökologisch und sozial nachhaltig sein. Und wir müssen die Lebensmittelverschwendung im Blick haben.“ Prüglmeier sieht das auch so: „Im Umweltbereich setzen wir auf neue Kühlkonzepte, um Energie zu sparen, und in den nächsten ein bis zwei Jahren kommen Delivery Bots. Vielleicht sind es nicht die zehn Minuten, aber Zustellzeiten über zwei Stunden akzeptieren die Kunden nicht.“ Prüglmeier ist sich sicher, dass in Zukunft unterschiedliche Vertriebswege für die Retailer entstehen werden. Da stimmen ihm auch die Logistiker zu. Bots kennen die Parksteiner schon aus den USA. „Neue Zustellkonzepte verändern auch unsere Lagerlogistik. Die verschiedenen Elemente müssen physisch und informationstechnisch miteinander interagieren, um Insellösungen zu vermeiden – sowohl beim Transportmittel als auch beim Vertriebsweg oder bei den unterschiedlichen Produktgruppen. Sonst skaliert das Geschäftsmodell nicht.“ Witron bindet sogar Bahntransporte bei Kunden an. Entscheidend sind die Kommunikation und der Datenaustausch zwischen Bot, Lkw oder Bahn mit dem Logistikzentrum. „Und der Datenaustausch der zu beliefernden Destination mit dem Logistikzentrum“, ergänzt Prieschenk.

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Ihn treibt bei der Q-Commerce-Diskussion vor allem eine Frage um: Zu was ist der Konsument heute und morgen loyal? Zu einem Retail-Brand, zu einem Markenprodukt, zu einem Preis, zu einer Servicezeit, zu einem Netzwerk? Ist es dem Kunden egal, von wem das Produkt stammt, wenn es zu optimalen Kosten, zur exakten Zeit geliefert wird? Prüglmeier fehlt die Nachhaltigkeit als ein Kriterium. Diese ist auch für Prieschenk ein weiteres wichtiges Kriterium. Ist Noyes für ihn Wettbewerber oder Partner im Markt? „Sie gehören dazu, in eine große Plattform.“

Bei Witron spielt in der Omnichannel-Logistik der Plattformgedanke schon lange eine entscheidende Rolle – weg vom eindimensionalen Silogedanken hin zur ganzheitlichen End-to-End-Supply-Chain, in die alle Player und Vertriebswege vollständig eingebunden sind. Daraus entstanden ist eine Lösung, welche sich OCM (Omni Channel Machinery) nennt. „In Konsequenz ist unsere OCM eine integrierte Retail-Plattform. Darin eingebunden sind ein leistungsstarkes Omnichannel-Logistikzentrum, Schnittstellen zu allen horizontalen und vertikalen Playern und darüber hinaus ein Optimizer, der es ermöglicht, das entstandene Netzwerk nach verschiedenen Prioritäten einfach und effizient zu managen – nach Zeit, Kosten, Leistung, Transport oder Volumen“, fasst Prieschenk zusammen. Hierfür will Witron aber kein neues Tourenplanungssystem oder eine neue Bestellsoftware entwickeln und sich schon gar nicht als Dienstleister zwischen den Retailer und dessen Kunden stellen. „Wir kombinieren bestehende Technik, entwickeln gleichzeitig eine Plattform vom Lieferanten über das Lager bis zum Store oder Endkunden, schaffen Transparenz im Retail-Netzwerk und ermöglichen einen Datenaustausch zwischen allen Teilnehmern“, verspricht Prieschenk. „Bis zur Filiale, bis zum Endkunden, und da kann auch eine Noyes-Lösung ein Knotenpunkt sein.“

* Robert Weber ist freier Autor in 97082 Würzburg. Weitere Informationen von: Witron Logistik + Informatik GmbH in 92711 Parkstein, Tel. +49 9602 6000, info@witron.de

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