Suchen

SAP EWM Die Weichen sind gestellt für Supply-Chain-Intelligenz

| Autor / Redakteur: Markus Wenning / Dipl.-Betriebswirt (FH) Bernd Maienschein

Um die Möglichkeiten der Digitalisierung zu erschließen und die damit verbundenen Mehrwerte in die unternehmenseigene Handelslogistik zu integrieren, hat die Genossenschaft Migros Aare in einem ersten Schritt das SAP EWM (Extended Warehouse Management) am Logistikstandort Schönbühl erfolgreich eingeführt. Angesichts des im Rahmen der Geschäftstätigkeit auch weiterhin exorbitant ansteigenden Datenvolumens setzt der erfolgreiche Retailer im schweizerischen Schönbühl parallel auf das Potenzial der In-Memory-Datenbank SAP HANA.

Firmen zum Thema

Automatisierte Vereinzelung von Ifco- und standardisierten Migros-Behältern zur Einlagerung in das Multi-Shuttle-Lager.
Automatisierte Vereinzelung von Ifco- und standardisierten Migros-Behältern zur Einlagerung in das Multi-Shuttle-Lager.
(Bild: IGZ)

Die Erfolgsgeschichte der Migros begann mit fünf Verkaufswagen. Das war im August 1925. Mit gerade einmal sechs Artikeln des täglichen Bedarfs im Gepäck war Gottlieb Duttweiler zu jener Zeit angetreten, den Handel mit Lebensmitteln im Heimatland praktisch zu revolutionieren. Heute behauptet die Migros-Gruppe ihre Position als größter Detailhändler der Schweiz. Dafür stehen rund 110.000 Mitarbeitende und ein Umsatz von 28,5 Mrd. CHF 2018. Zehn Genossenschaften gehören dem prosperierenden Unternehmen an, darunter die Migros Aare, die 1998 aus dem Zusammenschluss der Genossenschaften Migros Bern und Migros Aargau/Solothurn entstanden ist und welche auch die Größte der zehn Genossenschaften ist.

Wegbereiter für die Mission „Logistikplattform 2030“

Dreh- und Angelpunkt für die Versorgung ihrer Filialen im Kanton Bern, Solothurn und Aargau ist das Verteilzentrum Schönbühl, das angesichts des anhaltenden Wachstums jedoch an Kapazitätsgrenzen stößt. Auch lässt die Leistungsfähigkeit der bisher installierten Logistiksysteme kontinuierlich nach. Aufgrund der Teilautomatisierung ist zudem zusätzlicher manueller Aufwand bei der Zuteilung sortenrein angelieferter Waren auf die von den Filialen georderten und gemischten Auftragspaletten erforderlich. Die Abwicklung erfolgt hierbei mit Unterstützung von Gabelstaplern. „Aufgrund der gewachsenen Systemstrukturen besteht hinreichend Modernisierungsbedarf, um unsere sensible Logistikkette langfristig sicherzustellen und eine Verteillogistik zu implementieren, die in der Lage ist, auch die zukünftigen Bedürfnisse des Marktes abzudecken“, berichtet Richard Leppla, Leiter Projekte Logistik bei der Migros-Genossenschaft Aare. Daher sei der Fokus im Zuge der Erneuerung und Erweiterung der Betriebszentrale Schönbühl auf eine ganzheitliche digitale und intelligente Supply Chain gerichtet.

Bildergalerie

Hardware ist auch hierbei nicht das Entscheidende. Proprietäre Stand-alone-Lösungen auf Ebene der Lagerverwaltung und Materialflusssteuerung erzeugten in der Vergangenheit zahlreiche fehleranfällige Schnittstellen, die die Reaktionsfähigkeit zunehmend beschränkten oder gar hemmten. Entsprechend hoch gestaltete sich auch der Betreuungsaufwand jener Systeme und Schnittstellen. Infolgedessen gab es keine durchgängige systemische Bestandstransparenz zum Warenfluss. Als logische Konsequenz auf dieses komplexe Mängelprofil hat Migros Aare die Einführung der SAP-Supply-Chain-Module beschlossen, beginnend mit dem SAP EWM.

Im Mittelpunkt dieser Logistikprojekte stehen auch umfassende Prozessoptimierungen nach Lean-Kriterien sowie eine enge Verzahnung sämtlicher Waren- und Informationsflüsse auf Basis von SAP-Standardsoftware. Besondere Relevanz hatte die Integration von F&R (Forecasting and Replenishment) in die Bestellprozesse. Durch eine Optimierung der Nachschubversorgung mit anschließender Weitergabe der Daten an SAP EWM sollten der Lieferservice verbessert und die Gesamtbetriebskosten dauerhaft gesenkt werden. Darüber hinaus sollten alle aktuellen Verbrauchs- und Bestandsdaten künftig in nur einem System abrufbar sein und erweiterte Möglichkeiten für eine Integration von Cross-Docking-Prozessen mit SAP EWM geschaffen werden.

Standardisierung und Digitalisierung als Maß der Dinge

Zwecks Absicherung des Investitionsvorhabens haben die aufgrund überzeugender Referenzen mit der Implementierung von SAP EWM beauftragten SAP-Ingenieure der IGZ aus Falkenberg in der Oberpfalz in einem ersten Schritt eine genaue Einsatzanalyse für SAP EWM durchgeführt. In deren Verlauf wurden die Umsetzbarkeit und der Nutzwert der Standardsoftware geprüft und bestätigt. Parallel wurde ein Konzept erarbeitet, das eine etappenweise Einführung empfahl, um die Sicherheit während der stufenweisen Migration zu maximieren. Angelegt wurde die Integration von SAP EWM in die vorhandene SAP-ERP-Systemlandschaft von Migros als Pilotprojekt. So sollten beim Aufbau einer langfristig zukunftsfähigen IT-Architektur für die Lagerverwaltung und -steuerung zunächst erste Erfahrungen am Standort Schönbühl gesammelt werden. Gleichzeitig galt es, Migros-intern eigenes SAP-EWM-Know-how aufzubauen, um die Pflege und Wartung des Systems später eigenständig durchführen zu können. Diesen umfassenden Wissenstransfer an Migros stellte IGZ während des gesamten Projektes, von der Spezifikations- bis zur Hochlaufphase, sicher.

„Im Mittelpunkt der Betrachtung stand natürlich auch das Topthema Digitalisierung“, sagt IGZ-Bereichsleiter Maximilian Heinzl. „Es galt eine Lösung zu realisieren, die eine transparente und zeitnahe Informationsverarbeitung ermöglicht, sodass alle aktuellen und kommenden Markt- und Filialanforderungen durchgängig bedient werden können.“ Zu berücksichtigen sei in diesem Zusammenhang, dass der Vernetzungsgrad sowohl intern als auch extern exponentiell steige. Demnach erhöhe sich die logistisch erzeugte Datenmenge je Dekade um den Faktor 1000. Infolge dessen reifte der Entschluss, SAP HANA als hoch performante Datenbanklösung für SAP EWM zu nutzen.

Proprietäre Systeme als Hemmschuh der Entwicklung

Vor der Einführung von SAP EWM 9.4 (HANA) arbeiteten die unterschiedlichen Anlagen bei der Migros Aare entkoppelt voneinander. Es existieren drei proprietäre Warehouse-Management-Systeme von drei verschiedenen Anbietern sowie zwei Materialflussrechner. Diese Lösung komplett durch SAP EWM inklusive der Materialflusskomponente SAP MFS (SAP Material Flow System) zu ersetzen, hätte ein nur schwer kalkulierbares Risiko dargestellt. „Das Stoppen des Produktivbetriebs für die notwendigen Anlagentests bei einer WMS/MFR-Komplettablöse für alle Prozesse im Automatiklager war schlichtweg zeitlich nicht möglich“, erklärt Heinzl. Es konnte nur ein Fenster von Samstagabend bis Sonntagmittag zur Verfügung gestellt werden.

Zudem hätten für eine temporäre Verlagerung der Last aus der automatischen Kommissionierung in andere Bereiche keine hinreichenden Flächen und Ressourcen zur Verfügung gestanden. Ferner war zu diesem Zeitpunkt der Projektumsetzung bereits absehbar, dass die bestehenden Anlagen mittelfristig sukzessive zu ersetzen sein würden. Derzeit wird die Filialkommissionierung (AFK) beispielsweise über ein Multi-Shuttle-System mit sieben Gassen (doppelttief) und sechs Ebenen abgewickelt, in dem 42 Fahrzeuge ihren Dienst verrichten. Diese ist als „Black Box“ an SAP EWM gekoppelt worden, sodass auch der Lieferant dieser Logistikanlage zu involvieren war. Angebunden innerhalb der Taka-Anlage (teilautomatische Kommissionieranlage) sind zwei Lifte pro Gasse, zwei Einlager- sowie drei Auslagerbahnen, jeweils mit Rückführung, I-Punkt und automatischem Depalettierer. Verteilt werden frische Agrarprodukte wie etwa Obst, Gemüse, Eier und Kräuter, die in handelstypische Ifco-Gebinde kommissioniert werden. Die Vereinzelung der Paletten aus dem Wareneingang sowie die Zusammenstellung von Mischpaletten übernehmen Roboter. Ergänzt werden die Bereiche Taka/AFK um manuelle Zonen, zum Beispiel um die per MDE-Dialog und Stapler unterstütze Kommissionierung von Pflanz- und Schnittblumen sowie die Aufbereitung bestellter Ganzpaletten.

Erster Meilenstein nutzbringend absolviert

Im Bereich Agrar und Blumen findet keine klassische Lagerhaltung statt. Es handelt sich vielmehr um eine Warenverteilung, das heißt, die Waren werden nach und nach angeliefert und in die jeweiligen Kommissionierzonen verbracht. Parallel starten die Pickprozesse je Artikelgruppe in verschiedenen Wellen. Nach Beendigung eines Arbeitstages sind die Waren komplett ausgeliefert und die Verteilplattform für Agrarprodukte vollständig geleert. Die tägliche Auslieferleistung beläuft sich auf 40.000 bis gut 60.000 Gebinde. Es verbleiben ausschließlich weniger leicht verderbliche Artikel.

Der Status quo der automatischen Filialkommissionierung ist nun seit Produktivsetzung durchgängig im SAP EWM abgebildet, während die Anlagensteuerung zunächst noch weiterhin dem Bestands-MFR obliegt. „Die Restlaufzeit beträgt voraussichtlich maximal fünf Jahre“, führt IGZ-Bereichsleiter Heinzl weiter aus. „Unter Berücksichtigung neuer technischer Anforderungen, auch im Hinblick auf Ifco, ist dann ein Umbau beziehungsweise eine Stilllegung wahrscheinlich.“ Berechnungen zufolge habe sich die Ablösung zum aktuellen Zeitpunkt als unwirtschaftlich erwiesen.

„Gleichwohl haben wir mit der Einführung von SAP EWM einen wichtigen Schritt in Richtung unserer ‚Logistikplattform 2030‘ gemacht“, ergänzt Migros-Aare-Projektleiter Richard Leppla.

„Deutlich erhöhte Bestandstransparenz ist nur eine Seite der Medaille. Darüber hinaus nutzen wir die Vorteile der Standardintegration zwischen SAP Retail und SAP EWM als Voraussetzung für systematische F&R-Aktivitäten. Hinzu kommt, dass sich neue Prozesse jederzeit flexibel in das System einbinden lassen.“ Auch sei man am Standort Schönbühl nun bestens vorbereitet, sukzessive weitere Optimierungen vornehmen zu können, etwa die Abbildung der Verladung, eine elektronische Avisierung oder auch die Steuerung optionaler Neuanlagen unabhängig von Anlagenlieferanten mittels SAP MFS.

Überzeugen statt einfach nur verordnen

Gleichzeitig haben die Projektverantwortlichen einen Lernprozess durchlaufen. Dazu Richard Leppla: „Die Implementierung der Software ist nicht die eigentliche Herausforderung. Dem Faktor ‚Mensch‘ muss in diesem Change-Prozess viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden, da dieser über den Projekterfolg oder Misserfolg entscheidet.“ So habe es aufseiten der operativen Mitarbeiter anfänglich große Widerstände gegen die neuen Abläufe gegeben. „Man darf nicht vergessen, dass der Fachbereich natürlich sehr stark an die bestehende Software gewöhnt war und dass die Prozesse über Jahre stetig verbessert wurden, um das Maximum aus dem Anlagenbetrieb herauszuholen“, ergänzt Maximilian Heinzl. Vor diesem Hintergrund sei es wichtig gewesen, den Menschen verständlich zu machen, dass ihre Bedenken ernst genommen werden und dass es auch wieder entsprechende Pläne für eventuelle Notfälle gab.

Darüber hinaus war zu kommunizieren, dass jede neue Software auch Chancen für Arbeitserleichterungen bietet. „Viele Mosaiksteinchen haben letztlich dazu beigetragen, dass Hemmungen abgebaut werden konnten und die Anwender der Einführung letztlich positiv gegenübergestanden haben“, so der IGZ-Bereichsleiter weiter. Vor diesem Hintergrund sei es der Leistung des gesamten Teams zu verdanken, dass der Go-live nach vorangegangener Testphase erfolgreich absolviert werden konnte. Eine erste große Bewährungsprobe war bereits vier Wochen nach Produktivsetzung von SAP EWM zu meistern, nämlich die Abwicklung eines stark erhöhten Volumens von 82.000 Gebinden aufgrund einer großzügigen Rabattaktion. Rund sechs Monate später stellte die Genossenschaft Migros Aare pünktlich zum Weihnachtsgeschäft einen neuen Tagesrekord von gut 100.000 Gebinden auf.

Weitere Optimierungsmaßnahmen auf der Agenda

Die Genossenschaft Migros Aare hatte bereits in einer frühen Phase SAP EWM als wesentliches Puzzleteil der digitalen Supply Chain identifiziert. „Nun hat sich gezeigt, dass SAP EWM mit Sicherheit die passende Plattform für die Zukunft unserer Betriebszentrale Schönbühl ist“, resümiert Leppla. „Auch unsere Erwartungen an IGZ haben sich mehr als erfüllt. Das Unternehmen hinterfragt bestehende Prozesse, bringt großes Logistik-Know-how ein und verfolgt ein klar strukturiertes Projektmanagement.“ Vor dem Hintergrund der gemeinsam erzielten Erfolge setzen die Partner ihre Kooperation fort. So läuft seit Januar 2019 die Migration auf SAP HANA 2 sowie auf S/4 HANA EWM. Die neue Generation der für den Umgang mit „Big Data“ prädestinierten In-Memory-Technologie adressiert den digitalen Wandel in Unternehmen und bietet erweiterte Funktionen für zielsichere Berechnungen und intelligente Analysen. Die Migration soll bis Oktober 2020 abgeschlossen sein.

Ebenfalls seit Anfang 2019 erarbeitet IGZ ein Konzept für SAP TM zur Integration des Transportmanagements und des SAP Yard Managements zur Verwaltung von Fahrzeugen und Transporteinheiten. Zudem ist ein Roll-out von SAP EWM (HANA) auf weitere Standorte der Migros-Gruppe geplant.

Diesen Beitrag können Sie auch in einem E-Paper aus unserem Heftarchiv nachlesen:MM Logistik Ausgabe 001 2020

* Markus Wenning ist stellvertretender Bereichsleiter Verkauf bei der IGZ Ingenieurgesellschaft für logistische Informationssysteme mbH in 95685 Falkenberg, Tel. (0 96 37) 92 92-0, info@igz.com

(ID:46309278)