Bedarfgesteuerte Materialplanung

Flexible Lieferkettenplanung nach Kundenbedarf

| Autor / Redakteur: Florian Sämann / Bernd Maienschein

Die fünf Schritte zur bedarfsgesteuerten Materialbedarfsplanung.
Die fünf Schritte zur bedarfsgesteuerten Materialbedarfsplanung. (Bild: DDI)

Supply-Chain-Planungen beruhen traditionell auf Prognosedaten: Was wird wann wo gebraucht? Volatile Märkte machen gute Prognosen aber zunehmend schwieriger. Bedarfsgesteuerte Materialbedarfsplanung in entkoppelten Lieferketten soll hier Abhilfe schaffen.

In traditionellen Planungssystemen basieren Liefer-, Produktions- und Transportentscheidungen bislang auf Nachfrageprognosen und sind damit auf ein stabiles und vorhersehbares Geschäftsumfeld angewiesen. Seit der Einführung von MRP-Systemen in den Fünfzigerjahren führen wachsende Produktportfolios und komplexere Netzwerke zu einem höheren Planungsaufwand – sprich: das wirtschaftliche Planungsumfeld hat sich stark verändert. Kürzere Produktlebenszyklen und steigende Anforderungen der Kunden in Bezug auf Lieferzeiten sorgen zusätzlich für mehr Unsicherheit und Volatilität. Vor dem Hintergrund dieser Veränderungen sind Nachfrageprognosen oft nicht korrekt und vom tatsächlichen Bedarf teilweise bis zu 50 % entfernt. Das hat die Beschaffung, Fertigung oder Lieferung falscher Mengen an falschen Stellen zur Folge und senkt letztlich die Servicequalität gegenüber dem Kunden. Mit teuren und kapazitätsintensiven Umlagerungen versuchen die Unternehmen gegenzusteuern und handeln sich damit oft hohe Lagerbestände ein. Die erhoffte Servicequalität wird trotzdem selten erreicht.

Das Demand Driven Institute definiert das DDMRP-Konzept in fünf Schritten.
Das Demand Driven Institute definiert das DDMRP-Konzept in fünf Schritten. (Bild: DDI)

Mit dem Ziel, eine Lösung für diese Herausforderungen zu finden, entwickelte das Demand Driven Institute (DDI) das Konzept der bedarfsgesteuerten Materialbedarfsplanung („Demand-Driven Material Requirements Planning“ – DDMRP). Anders als bei traditionellen Planungssystemen basieren die Bestellungen hierbei nicht auf fehleranfälligen Prognosen. Stattdessen wird mithilfe von Lagerungspunkten die Lieferkette entkoppelt und es erfolgt eine bedarfsgerechte Steuerung auf Basis von Kundennachfragen. Die Variabilität in einer Supply Chain lässt sich so reduzieren, während der Materialfluss stabilisiert wird. Darüber hinaus wird das Vorhalten von passend dimensionierten Beständen ermöglicht, die immer dann wieder aufgefüllt werden, wenn sie verbraucht wurden. Kosten- und kapazitätsintensive Korrekturmaßnahmen lassen sich durch diese Form der Pull-Steuerung zur Sicherung der Servicequalität umgehen.

Fünf Schritte zur bedarfsgesteuerten Materialbedarfsplanung

Für das DDMRP-Konzept werden fünf Schritte zyklisch durchlaufen. Sie umfassen die Positionierung von Entkopplungspunkten („Position“), die Festlegung von Bestandsgrenzwerten („Protect“) sowie die konkrete Planung und deren Ausführung („Pull“).

Der erste Schritt umfasst das sogenannte „Strategic Decoupling“ und erfordert eine Entscheidung, auf welchen Stufen der betrachteten Supply-Chain Bestände an Fertig- und Zwischenprodukten sowie sonstigen Materialien gehalten werden sollen. Im Unterschied zu anderen Ansätzen der Bestandsoptimierung in mehrstufigen Netzwerken werden dabei Faktoren berücksichtigt, die über eine Kostenminimierung hinausgehen (beispielsweise Variabilitätseinflüsse). Neben der Festlegung der Entkopplungspunkte werden die entkoppelten Durchlaufzeiten („Decoupled Lead Times“) ermittelt, die sich aus der Summe der spezifischen Lieferzeiten zwischen zwei Entkopplungspunkten ergeben. Diese gehen dann in die Bemessung der Puffer mit ein.

Die fünf Schritte zur bedarfsgesteuerten Materialbedarfsplanung.
Die fünf Schritte zur bedarfsgesteuerten Materialbedarfsplanung. (Bild: DDI)

Der zweite Schritt des DDMRP-Konzepts – „Buffer Profiles and Levels“ – dient der geeigneten Dimensionierung der Puffer an den im ersten Schritt festgelegten Entkopplungspunkten in Form von Bestandsobergrenzen. Für diesen Zweck kommt ein intuitives Farbschema zum Einsatz, das Puffer in rote, gelbe und grüne Zonen einteilt. Diese Einteilung beruht dabei auf der zugrunde liegenden Nutzung des jeweiligen Bestandes. Während der Bestand der roten Zone dazu dient, starken Schwankungen und unerwarteten Bedarfen in der Supply Chain zu begegnen, entspricht der Bestand der gelben Zone dem Lagerzyklus und gleicht somit den zu erwartenden Bedarf aus. Über die Größe der grünen Zone werden Bestellungen generiert und deren Häufigkeit festgelegt.

Anpassungen der zuvor berechneten Puffergrößen lassen sich im dritten Schritt, den „Dynamic Adjustments“, vornehmen. Dadurch ist es möglich, Veränderungen oder kurzfristige Anpassungen der Inputparameter oder auch Erfahrungen der Planer zu berücksichtigen. Insbesondere im Hinblick auf dynamische Marktentwicklungen, wie etwa Trends, Saisonbewegungen oder auch größere Verkaufsaktionen, sind die Erfahrungen der Planer von Bedeutung.

Die ersten drei Schritte des DDMRP-Konzepts umfassen die Planung und Parametrisierung der Supply Chain und bilden damit die Grundlage für die eigentliche operative Planung und konkrete Durchführung. Für eine erfolgreiche Umsetzung des DDMRP-Konzepts sind sie somit von strategischer Bedeutung.

Ziel des vierten Schritts, des „Demand-Driven Planning“, ist es, Bestellaufträge an den einzelnen Lagerungspunkten zu generieren. Dabei sind die Bestellaufträge abhängig von der aktuellen sogenannten „Net Flow Position“ und den in den vorherigen Schritten festgelegten Puffergrößen. Die „Net Flow Position“ setzt sich zusammen aus dem verfügbaren Lagerbestand und den noch ausstehenden Lagerzugängen, welche um den sogenannten „Qualified Demand“ reduziert werden. Dieser umfasst alle Nachfragemengen, deren Fälligkeitstermin in der aktuellen Periode oder der Vergangenheit liegt, und alle einen gegebenen Schwellwert übersteigende Nachfragemengen mit Fälligkeitstermin in der Zukunft. Sobald die „Net Flow Position“ in die gelbe Zone fällt, wird eine Bestellung ausgelöst, welche diese wieder auf die Höhe der grünen Zone bringt.

Optimale Prozessunterstützung durch innovative IT-Technologien

Unterstützung für den Planer in der Ausführung ist das Ziel des letzten Schrittes „Visible and Collaborative Execution“ des DDMRP-Konzepts. Das geschieht anhand einer Priorisierung von Bestellaufträgen. Diese Priorisierung erfolgt dabei nicht anhand von Fälligkeitsterminen, sondern basierend auf dem Pufferstatus, welcher den aktuellen Bestand mit den Puffergrößen ins Verhältnis setzt. Dadurch wird mit minimalem manuellen Aufwand dem Planer eine klare Hilfestellung gegeben und sichergestellt, dass Bestände umso stärker priorisiert werden je stärker sie verbraucht sind.

Eine entsprechende Unterstützung der einzelnen Schritte des oben beschriebenen Ansatzes durch IT-Systeme ist die Voraussetzung für eine erfolgreiche Umsetzung des DDMRP-Konzepts. Deshalb entwickelten die SAP und Camelot ITLab im Rahmen eines Co-Innovationsprojektes die Lösung “DDMRP for SAP IBP” als Erweiterung von SAP Integrated Business Planning (IBP). Mit dieser Erweiterung ist eine Unterstützung aller fünf Schritte des DDMRP-Konzepts möglich. Die Lösung wurde vom Demand Driven Institute (DDI) als „DDMRP compliant“ zertifiziert.

„DDMRP for SAP IBP“ besteht aus zwei Komponenten. Die in der SCP umgesetzte erste Komponente („DDMRP for SAP IBP“ Enhancement Module) umfasst jene Funktionalitäten, welche nicht mit IBP-Standardfunktionen umgesetzt werden können. Dazu zählen die strategische Platzierung von Entkopplungspunkten oder die dynamische Berechnung der entkoppelten Durchlaufzeiten in den ersten beiden Schritten des DDMRP-Konzepts. Die Schritte drei bis fünf sind in der zweiten Komponente („DDMRP for SAP IBP“ Configuration Module) implementiert und basieren vollständig auf SAP IBP-Standardfunktionalitäten. Die eigentliche Planung und Steuerung erfolgt über vorkonfigurierte Planungsansichten in MS Excel durch Nutzung des SAP-IBP-Excel-Add-ins sowie über Dashboards und Alerts im SAP IBP Web Interface. Dadurch ist eine Planung in einer allgemein gebräuchlichen Systemumgebung möglich. Da es sich bei SAP IBP um eine Cloud-basierte Lösung handelt, ist eine Integration mit existierenden „On-Premise“-ERP- und -APS-Systemen durch die SAP Cloud Platform Integration for Data Services (HCI-DS) problemlos möglich.

Kundenbedarfsgesteuerte Planung der Lieferkette birgt viele Vorteile

Das DDMRP-Konzept ist bereits heute bei vielen führenden, international agierenden Unternehmen aus unterschiedlichsten Branchen erfolgreich im Einsatz. Infolge der Einführung und Nutzung der Camelot-Lösung „DDMRP for SAP IBP“ erzielten und erzielen sie eine signifikante Reduzierung der Variabilität sowie eine Stabilisierung des Materialflusses in ihrer Supply Chain. Kunden profitieren von einer deutlich verbesserten Servicequalität und erhöhten Agilität der Supply Chain aufgrund einer Verringerung der Durchlaufzeiten um bis zu 50 %. Zusätzlich lassen sich bis zu 40 % geringere Bestände und auch deutliche Kostenreduktionen umsetzen, welche bis zu 20 % betragen können.

Für die Supply-Chain-Planung stellt das innovative und revolutionäre DDMRP-Konzept den größten Paradigmenwechsel der letzten Jahrzehnte dar und wurde mit der Lösung „DDMRP for SAP IBP“ von Camelot ITLab als Thought Leader in der neusten Planungstechnologie der SAP – dem SAP IBP – umgesetzt. Um zukünftig nicht nur DDMRP, sondern auch „Demand-Driven Supply Chain Management“ nutzen zu können (zum Beispiel Segment & Strategize, Flow Metrics und DDS&OP), wird diese Lösung kontinuierlich um zusätzliche Funktionalitäten erweitert. Camelot bietet damit im Rahmen der „Demand-Driven LEAN Planning Suite for SAP“ eine Implementierung des DDMRP-Konzepts auf allen relevanten SAP-Plattformen an – SAP SCM, S/4HANA, SAP IBP. Diese Kombination eines revolutionären Konzepts mit modernsten Technologien und Lösungen bietet für Kunden erhebliche Mehrwerte. Sie profitieren von den zahlreichen konzeptionellen Vorteilen des bedarfsgesteuerten Planungsansatzes, von spürbaren Wettbewerbsvorteilen durch umfassende Effizienzsteigerungen sowie von der Zukunftsfähigkeit der Lösung und damit von Investitionssicherheit.

Hier gibt's weitere Beiträge zu SAP und Camelot!

* Florian Sämann ist Head of Competence Center Integrated Business Planning bei der Camelot ITLab GmbH in 68165 Mannheim, Tel. (06 21) 86 29 88 00, office@camelot-itlab.com

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