Logistikdrohnen

Flug(s) ins Labor

| Autor / Redakteur: Sabine Vogel / Bernd Maienschein

Über 2,2 km Luftlinie befördert die Drohne ihr Transportgut vom Werkshafen ins Zentrallabor.
Über 2,2 km Luftlinie befördert die Drohne ihr Transportgut vom Werkshafen ins Zentrallabor. (Bild: Thyssenkrupp)

In Duisburg testet Thyssenkrupp Steel derzeit den Einsatz einer Transportdrohne. Diese soll zukünftig die Bereitstellung von Laborproben beschleunigen und den Werksverkehr entlasten.

Läuft alles nach Plan, wird „Aaron“ zukünftig mehrmals täglich in die Luft gehen – aber kontrolliert. Den neuen „Mitarbeiter“ hat Thyssenkrupp am 21. Mai 2019 in Duisburg erstmals offiziell vorgestellt. Dass sie auch wetterfest ist, bewies die Drohne im Rahmen einer von Regenschauern getrübten Flugshow. Praktisch auf Knopfdruck startete sie durch, entschwand über dem Hüttenwerk und kehrte nur kurze Zeit später mit einer Box im Gepäck zurück. Der Inhalt: kleine Dosen mit Eisenerz und Kohle. Diese Rohstoffe werden im Zentrallabor unter Qualitätsaspekten stichpunktartig geprüft, bevor sie in den Produktionsprozess eingeschleust werden. Denn schließlich ist der Traditionskonzern aus dem Revier bekannt für seinen Hightech-Stahl.

Luftpost 4.0

Bislang war es Aufgabe der Belegschaft, diese Proben vom Werkshafen ins Zentrallabor zu befördern. Die Fahrt per Pkw dauert in der Regel um die 15 bis20 min. Auf der 2,2 km langen Strecke sind zudem mehrere unbeschrankte Bahnübergänge zu passieren, sodass der Transport nicht nur zeitaufwendig ist, sondern auch Unfallrisiken birgt. Um diesen Ablauf zu beschleunigen, ihn sicherer zu gestalten und gleichzeitig den Werksverkehr zu entlasten, sollte eine vollautomatisierte Lösung installiert werden.

Eine Labormitarbeiterin entnimmt die bereitgestellte Box, in der bis zu 30 Probedosen Platz finden.
Eine Labormitarbeiterin entnimmt die bereitgestellte Box, in der bis zu 30 Probedosen Platz finden. (Bild: Thyssenkrupp)

Als Realisierungspartner holte sich das Team „Technology & Innovation“ von Thyssenkrupp Steel die Doks Innovation GmbH aus Kassel ins Boot, die den autonomen Flugroboter „delivAIRy“ entwickelt und an die Anforderungen des Stahlherstellers angepasst hat. Die mit sechs Rotoren ausgestattete Drohne verfügt über 1,20 m Spannweite und eine Tragkraft von 4,5 kg. Für die Lastaufnahme sorgt eine eigens patentierte Technologie. Da das Fluggerät den Transport der mit bis zu 30 Probendosen bestückten Boxen innerhalb von nur 6 min absolviert, beschleunigt sich die Lieferung um mehr als die Hälfte.

Dritte Dimension der Mobilität

Zu den geladenen Gästen des Demonstrationsflugs zählte auch NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst. Dieser konstatierte kurz vor dem Start: „Was hier im kleineren Umfang getestet wird, ist wegweisend für die Mobilität in unseren Städten.“ Es gehe darum, den Luftraum klug zu nutzen und eine weitere Säule der Mobilitätspolitik zu etablieren. „Autonomes Fliegen haben wir noch nicht. Umso besser, dass Thyssenkrupp hier vorangeht.“ Weitere Unternehmen sollen daran partizipieren. Auch damit beschäftige sich eine neue Fachabteilung, das „Drohnenreferat“. Gleichfalls erfreut über den Fortschritt zeigte sich Thomas Jarzombek, Koordinator der Bundesregierung für die deutsche Luft- und Raumfahrt. „Agilität ist vielleicht die neue Größe.“ Dabei komme es gar nicht so sehr auf die Hardware an, sondern vielmehr auf das IT-basierte Ökosystem. Ganz im Sinne der Join-Economy unterstrich auch er: „Das Thema Drohne hilft der gesamten Gesellschaft.“

Verstärkter Einsatz denkbar

Über einen zentralen Leitstand haben zwei eigens ausgebildete Mitarbeiter jegliche Bewegungen des Überfliegers „Aaron“ kontinuierlich im Blick. „Wichtig war, dass dieses Leitsystem möglichst einfach zu bedienen und gleichzeitig nicht manipulierbar ist“, so Benjamin Federmann, CEO & Co-Founder des Herstellers Doks Innovation. Bei etwaigen Problemen kann der Flugroboter zudem auf ausgewiesenen Notfalllandeplätzen entlang der Transportstrecke jederzeit stoppen. Für ein weiteres Plus an Sicherheit sorgen Fallschirme und Redundanz in der Flugsteuerung. Die Navigation erfolgt via GPS. Darüber hinaus ist die Drohne in das LTE-Netz eingebunden.

Die Pilotphase ist auf sechs Monate anberaumt und setzt ebenso wie der sich anschließende reguläre Flugbetrieb eine Genehmigung durch die Landesluftfahrtbehörde NRW voraus. Sollte sich das autonome Fluggerät als Laborprobentransporter bewähren, könnte es auch in weiteren Bereichen der internen Logistik von Thyssenkrupp Steel Anwendung finden. Dazu Projektleiter Dr. Thomas Lostak: „Die Drohne lässt sich individuell per App anfordern. Die Auslieferung zeitkritischer Sendungen auf dem Werksgelände könnte man damit voll automatisieren und digitalisieren.“ Ergänzend merkte Andreas Goss, der sein Mandat als Vorstandsvorsitzender zwischenzeitlich niedergelegt hat, an: „Dieses Projekt ist eines von vielen, mit denen wir das Stahlwerk der Zukunft bauen. Dabei forcieren wir Digitalisierungsprojekte nicht um ihrer selbst willen, sondern immer dann, wenn sie uns konkrete Fortschritte bringen.“ Die Transportdrohne sei hierfür ein exzellentes Beispiel. ■

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