Interview

Hochleistungspolymere bewegen die Intralogistik

| Autor: Bernd Maienschein

Die „micro flizz“ führt Energie, Daten und Medien sicher auch bei hohen Geschwindigkeiten auf engem Bauraum. Für eine vorausschauende Wartung können Anwender das „igus CF.D“ integrieren, das die Datenübertragungseigenschaften der Leitungen überwacht.
Die „micro flizz“ führt Energie, Daten und Medien sicher auch bei hohen Geschwindigkeiten auf engem Bauraum. Für eine vorausschauende Wartung können Anwender das „igus CF.D“ integrieren, das die Datenübertragungseigenschaften der Leitungen überwacht. (Bild: Igus)

Zeit und Geld sind zwei wichtige Faktoren in der Intralogistik: Wenn die innerbetriebliche Förder- und Lagertechnik zum Erliegen kommt, kann das schnell ins Geld gehen. Wir sprachen mit Christian Strauch, Branchenmanager Material Handling beim Kölner „Motion-Plastics“-Profi Igus, mit welchen Produkten man die Branche begeistern will.

Im Jahr 1964 hatte Igus-Gründer Günter Blase die Idee, Produkte für die Bewegung aus verschleißarmen Hochleistungspolymeren zu entwickeln – heute werden diese „Motion Plastics“ genannt. Über fünf Jahrzehnte Forschung an diesen „beweglichen Kunststoffteilen“ im größten Testlabor der Branche haben zu hoch belastbaren Werkstoffen geführt, die ein Versprechen des Unternehmens zu realisieren helfen: „Kosten senken und Lebensdauer erhöhen.“

Mittlerweile erleichtern diese „Motion Plastics“ Kunden in 72 Ländern und mehr als 50 Branchen den Alltag und verbessern deren Anwendungen. Abwechselnd finden jedes Jahr die von Igus ins Leben gerufenen Awards „manus“ und „vector“ statt. Bei „manus“ werden spannende Kunststoff-Gleitlager- Anwendungen prämiert, wogegen „vector“ eine Auszeichnung für Anwendungen mit Kunststoff-Energieführungen darstellt. Das reicht von riesigen Containerkranen mit mehreren Hundert Metern Verfahrweg mit dicken Energie- und Datenübertragungsleitungen über saubere, FDA-konforme Maschinenkomponenten für Getränkemaschinen und Produkte aus langlebigen Hochleistungspolymeren für Hallenkrane bis hin zu Versorgungsleitungen für Regalbediengeräte in der Intralogistik. Überhaupt ist der Materialfluss eine Branche, in der man sich offensichtlich sehr wohlfühlt. Wir baten Christian Strauch, uns einen Einblick in sein tägliches Handeln zu gewähren.

Herr Strauch, Ihre Polymergleitlager aus „Iglidur“ kennt man insbesondere im Maschinenbau. Wollen Sie mit Ihren „Motion Plastics“ jetzt auch den Materialfluss erobern?

„Iglidur“-Polymergleitlager wie auch Linear-, Kugel- oder Gelenklager von Igus kommen nicht nur im klassischen Maschinenbau, sondern in den vielfältigsten Anwendungen zum Einsatz – in Autoscheibenwischern, Büromöbeln oder Ventilatoren ebenso wie in industriellen Umgebungen wie Verpackungs- oder Werkzeugmaschinen. Das zentrale Ziel der schmier- und wartungsfreien „Motion Plastics“: Kosten beim Anwender durch den Einsatz von Hochleistungskunststoffen zu reduzieren und die Technik der Anwendung zu verbessern. Dabei spielt die Verringerung von Reibung und Verschleiß eine zentrale Rolle. Auch Eigenschaften wie ein geringes Gewicht oder Korrosionsfreiheit sind in vielen bewegten Anwendungen wichtig. Der Materialfluss macht dabei keine Ausnahme: Hier kommt schon seit mehr als 20 Jahren Gleitlagertechnik zum Einsatz. Man könnte auch sagen: Überall da, wo Bewegung ist, ist auch Igus.

Energiekette versus Stromschiene – macht hier aus Ihrer Sicht die Kette das Rennen, Stichwort „micro flizz“?

Die platzsparende „micro flizz“ hat gegenüber der Stromschiene eindeutige Vorteile. Einer davon ist, dass verschiedenste Medien in der E-Kette geführt werden können: Daten, Strom, Luft, Flüssigkeiten. Das System lässt sich horizontal und vertikal verbauen und erlaubt Verfahrwege von bis zu 100 m sowie Arbeitsgeschwindigkeiten bis 6 m/s bei hohen Beschleunigungen. Und das alles sauber und wartungsfrei!

Christian Strauch, Igus: „Durch unsere Real-Tests im über 3800 m² großen Testlabor sind wir in der Lage, die Lebensdauer der ,Motion Plastics‘ genau vorauszusagen.“
Christian Strauch, Igus: „Durch unsere Real-Tests im über 3800 m² großen Testlabor sind wir in der Lage, die Lebensdauer der ,Motion Plastics‘ genau vorauszusagen.“ (Bild: Igus)

Ein modernes Intralogistiksystem besteht meistens aus Hochregallager, einem automatischen Kleinteilelager, Regalbediengeräten, der Vorzone, dem Verpackungsbereich und anderen Komponenten. Wo sehen Sie dabei das größte Einsparpotenzial Ihrer „smart plastics“?

Als ein Teil von Industrie 4.0 gilt die vorausschauende Wartung oder auch „Predictive Maintenance“. Für diesen Bereich hat Igus eine Produktfamilie entwickelt, bei der unterschiedliche Sensoren und Überwachungsmodule die Kunststofflösungen intelligent und somit zu „smart plastics“ machen. Sie warnen rechtzeitig vor Ausfall und sparen dadurch überall dort Geld, wo plötzliche Stillstände hohe Kosten verursachen. Lassen Sie mich ein Beispiel nennen: Ein RBG, das plötzlich stillsteht, kann enorme Kosten verursachen, abgesehen von unzufriedenen Kunden, die beliefert werden wollen. Ob Hochregal oder Fördertechnik in der Vorzone: Alle Bereiche sind äußerst sensibel und in allen Bereichen helfen „smart plastics“, ungewollte Stillstände zu vermeiden.

Fahrerlose Transportfahrzeuge (FTF) und -systeme (FTS) gelten als alternativlos effizient, nicht zuletzt wegen ihrer 24/7-Verfügbarkeit. Deshalb ein prädestiniertes Anwendungsgebiet für Ihre Produkte?

Fahrerlose Transportsysteme sind ein wichtiger Baustein, um die Automatisierung von Materialhandling-Prozessen weiter voranzubringen. „Iglidur“-Gleitlager und „Drylin“-Linearantriebe punkten dabei besonders aufgrund ihrer Eigenschaften durch ihre Zuverlässigkeit. Das geringe Gewicht ist ein weiterer Pluspunkt der Tribopolymere, denn sie bringen zum Beispiel bei „Iglidur“-Gleitlagern bis zu 60 % weniger Gewicht auf die Waage als herkömmliche metallische Lager. Und weniger Last braucht weniger Energie. Das wiederum hilft dem FTS, seine Tragkapazität zu erhöhen.

Zu einem funktionierenden innerbetrieblichen Materialflusssystem gehört ein reibungsloses Ersatzteilmanagement. Können Ihre Ketten, Leitungen und Lagertechnik hier punkten?

Hier sind aus meiner Sicht zwei Dinge wichtig: Einerseits eine unmittelbare, unkomplizierte Kommunikation, auf der anderen Seite, dass Ersatzteile schnell verfügbar sind. So ist uns der direkte Draht zum Kunden besonders wichtig. Neben einem Außendienstberater vor Ort und mir als Branchenmanager stehen bei allen Fragen auch viele weitere Kommunikationskanäle unmittelbar zur Verfügung, neben E-Mail oder Telefon auch ein Live-Chat auf der Homepage. Insgesamt 100.000 Produkte sind bei Igus ab Lager lieferbar. Der Kunde erhält also schnell sein passendes Ersatzteil, wenn er es braucht.

E-Ketten an Regalbediengeräten (RBG) sind aufgrund ihres dynamischen Fahrverhaltens enormen Belastungen ausgesetzt. Wie unterstützt „Guidelok P.S“ die RBG-Hersteller dabei?

Das Guidelok verhindert, dass die vertikal eingebaute Energiekette bei Beschleunigungen oder Verzögerung des RBG anfängt zu schwingen und gegebenenfalls gegen metallische Strukturen im Hochregal zu schlagen. Das Guidelok führt die Energiekette sehr eng und sanft in einem Kunststoffkanal. So wird aus einer eigentlich enormen Belastung für die Energiekette eine äußerst einfache und langlebige Sache.

Wie beeinflusst Ihr Steckerbaukasten „Module Connect“ die „time to market“ Ihrer Kunden und wie viel Kosten können Ihre Kunden damit sparen?

Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Denn es kommt natürlich unter anderem darauf an, wie viel Leitungen und Stecker in der Energiekette eingesetzt werden. Aber: Zeit ist Geld, gerade in der Intralogistik. Und man kann sich leicht vorstellen, dass sich ein Stecker, wie „Module Connect“, deutlich schneller stecken lässt als zehn einzelne. Außerdem möchte der Kunde bestimmten Umgebungsbedingungen auch nicht länger ausgesetzt sein als nötig: Stichwort Tiefkühllager. Auch hier ist die Zeitersparnis ein deutlicher Vorteil.

Drohnen sind der jüngste Hype in der Logistik und werden sich mittelfristig wohl im ein oder anderen Lager oder bei der innerbetrieblichen Produktionsversorgung durchsetzen. Fliegen Ihre Produkte da eigentlich auch schon mit?

„Iglidur“-Lager werden bereits heute in vielen Drohnen eingesetzt. Denn sie reduzieren das Gewicht der Drohne und die Lagerstellen müssen nicht geschmiert werden – das erhöht die Zuverlässigkeit der Drohne enorm.

„Spinnen“ wir mal ein wenig: Ist eine lebenslange Garantie für Ihre Materialflussprodukte denkbar?

Selbst bei unseren Produkten müssen wir von einem gewissen Verschleiß ausgehen, denn wo sich etwas bewegt, wird auch etwas verschlissen. Insofern ist es eher utopisch, von einer lebenslangen Garantie zu sprechen. Durch unsere Real-Tests im über 3800 m² großen Testlabor sind wir aber in der Lage, die Lebensdauer der „Motion Plastics“ genau vorauszusagen. Allein für die „Chainflex“-Leitungen werden im Jahr 2 Mrd. Testzyklen dort gefahren. Durch diese Masse an gewonnenen Daten lässt sich die Lebensdauer der „Motion Plastics“ ganz einfach online berechnen. Das ist doch auch schon mal etwas!

Herr Strauch, haben Sie recht herzlichen Dank für Ihre Antworten!

Ergänzendes zum Thema
 
Christian Strauch

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