Logistics IT

Vor der großen Migration

| Autor / Redakteur: Bernd Maienschein / Bernd Maienschein

„Mobile-Logistic“-Lösungen von All for One Steeb laufen mit einem modernen Oberflächengenerator auf Endgeräten wie Scannern, Smartphones, Staplerterminals und Datenbrillen.
„Mobile-Logistic“-Lösungen von All for One Steeb laufen mit einem modernen Oberflächengenerator auf Endgeräten wie Scannern, Smartphones, Staplerterminals und Datenbrillen. (Bild: Prismat)

Die erste Warehouse-Management-Anwendung der Walldorfer Softwareschmiede – SAP WM (Warehouse Management) – wird spätestens 2025 von EWM (Extended Warehouse Management) abgelöst beziehungsweise der Support eingestellt. Es kann deshalb nicht schaden, sich frühzeitig Wechselszenarien anzuschauen.

Walldorfer „Systeme, Anwendungen und Produkte“ – aus den Anfangsbuchstaben dieser Substantive leitet sich das Akronym SAP ab – gelten vielerorts als betriebswirtschaftliche Standardlösungen. Die Ankündigung des Softwarehauses, die Wartung für sein in die Jahre gekommenes Lagerverwaltungsmodul WM (Warehouse Management) Ende 2025 einzustellen, kam nicht überraschend. Schließlich will man nicht nur Support leisten, sondern neue Produkte mit völlig neuen, zeitgemäßen Features verkaufen und baut bei der Migration auf zahlreiche Silber- und Goldpartner. „Mittlerweile ist es bei unseren Kunden durchgedrungen. SAP selbst und vor allem auch die Deutschsprachige SAP Anwender Gruppe (DSAG) hat hier die Kommunikation vorangetrieben und die SAP-Kunden sensibilisiert“, sagt Fin Geldmacher, Geschäftsführer der Dortmunder Prismat GmbH, selbsternannte „SAP-Spezialisten für Ihre Logistik“. Die Expertise der Dortmunder, die mittlerweile Niederlassungen in Bremen, Ratingen und Stuttgart unterhalten, hat sich herumgesprochen. Kürzlich konnte man sich mit dem Stuttgarter Intralogistikspezialisten Viastore verbünden. Gemeinsam treten beide Unternehmen fortan als großer SAP-Premium-Generalunternehmer in der Intralogistik auf.

Umstellung wird heiß diskutiert

Auch für Jens Kappauf, Leiter Business Development bei der Salt Solutions AG, wird kaum ein anderes Thema so heißt diskutiert wie die neue Echtzeit-ERP-Suite von SAP. „SAP S/4HANA basiert vollständig auf der In-Memory-Plattform SAP HANA und bietet neben einer neuen, personalisierten und modernen Oberfläche zahlreiche Neuerungen und Vereinfachungen.“ Diese Änderungen beträfen insbesondere die logistischen Grundfunktionen in der Lagerverwaltung.

Selbst wenn aufgrund der Marktposition der Walldorfer und der Attraktivität des neuen Produktes zahlreiche Anwender mittel- bis langfristig auf die neue Plattform wechseln werden, wird SAP S/4HANA bei vielen Bestandskunden von Salt Solutions seiner Einschätzung nach – insbesondere was die Funktionen der Lagerverwaltung angeht – zum gegenwärtigen Zeitpunkt als ergänzende Produktlinie, mittel- und langfristig jedoch als neue SAP-Anwendungssuite der nächsten Generation verstanden.

Um eventuell vorhandene Ängste vor der Umstellung zu nehmen, hat es sich die Würzburger Flexus AG zur Aufgabe gemacht, ihre Kunden proaktiv zu informieren. „Ein Meilenstein war in diesem Zusammenhang unser Thementag Ende 2017, bei dem wir gemeinsam mit SAP und unserem Partner Priotic knapp 100 Teilnehmer über die Zukunft mit SAP EWM informiert haben“, sagt Patrick Bierbaums, Bereichsleitung Logistik & Mobile Applikationen. Sein Unternehmen steht aber auch im Rahmen von Workshops und Benchmark-Analysen mit vielen Kunden im engen Dialog. „Gemeinsam mit unserem Partner Priotic haben wir dazu auch frühzeitig in unserem Labor für Logistikanwendungen (Loglab) verschiedene Migrationskonzepte für die Praxis entwickelt, um unseren Kunden die beste Unterstützung zu bieten“, so Bierbaums.

Für Matthias Martens, Beratungsleiter Logistik bei der All for One Steeb AG in Filderstadt, ist die Abkündigung des WM-Supports bei etwa 85 % der Kunden durchgedrungen. Die Kunden nutzen seinen Worten zufolge insbesondere durch einen Wechsel auf S/4HANA als digitalen Kern die Gelegenheit für eine Geschäftsprozess-Reorganisation, um insbesondere von den Logistikinnovationen bei gleichzeitiger Rückführung individueller Lösungen in den SAP-Standard zu profitieren. „Die bereits existierende Installationsoption von EWM als sogenannte ,Side-by-Side‘ bleibt ja nach wie vor die richtige Option für komplexe Läger mit hohen Automatisierungs- und Performanceanforderungen“, so Martens.

Wie beim Wechsel von R/2 zu R/3

Der Übergang von der SAP Business Suite zu SAP S/4HANA kann zu Recht mit dem Technologiewechsel von SAP R/2 auf R/3 verglichen werden und stellt Kunden insbesondere bei bestehenden und gewachsenen Systemlandschaften vor Herausforderungen. „Wir bieten unseren Kunden daher ein auf die Migration, Implementierung und Integration von S/4HANA abgestimmtes Beratungsportfolio an, beraten sie ganzheitlich bei der Systemauswahl und erarbeiten gemeinsam die für sie beste Strategie für den Wechsel auf SAP S/4HANA“, sagt Salt-Mann Kappauf. Für Geldmacher stellt sich auch immer die Frage, ob es einen Business Case für eine Migration gibt, also ein konkretes Projekt, das die Migration rechtfertigen würde. „Ungeliebt sind verständlicherweise die Migrationsprojekte, die lediglich eine 1:1-Ablösung und keine Prozessverbesserungen oder andere Mehrwerte im Business beinhalten.“

All for One Steeb berät Bestandskunden mit speziellen Angeboten über den optimalen Weg. Hier gelte: Vorarbeiten könnten und sollten jetzt schon begonnen werden, damit eine zeitliche Entzerrung erfolgen kann. „Für Bestandskunden, die ein komplexes Hochregallager mit durchgängiger Automatisierung inklusive Neubauvorhaben planen, besteht weiterhin die Möglichkeit der Side-by-Side-Installation von EWM. So kann die Logistik bereits umgesetzt werden, ohne dass ERP-seitig bereits zum jetzigen Zeitpunkt ein Umstieg auf S/4HANA Enterprise Management erfolgen muss“, sagt Martens.

Migration: Hype oder Notwendigkeit?

Doch brauchen Unternehmen, die sich logistisch auf interne Unternehmensabläufe konzentrieren wollen, denn überhaupt den Switch zum unternehmensübergreifenden Supply Chain Networking mit Extended Warehouse Management? Fin Geldmacher (lacht): „Als SAP-Reseller und -Implementierungspartner sind wir natürlich davon überzeugt. Aber im Ernst: Es hängt natürlich von der Strategie und den Prozessanforderungen des Unternehmens ab, inwieweit man SAP EWM nutzen möchte.“ SAP EWM in seinen Grundfunktionen sei in S/4HANA auch lizenzseitig schon enthalten, das heißt eine gewisse Kostenabdeckung zu den Standard-WM-Prozessen sei hier schon vorhanden, so der Prismat-Chef. „Möchte man den erweiterten EWM-Umfang nutzen, wie beispielsweise das Materialflusssystem (MFS) zur Integration von Automatisierungstechnik, sind weitere Lizenzgebühren fällig. Das heißt, auch hier hat der Kunde die Wahl, inwieweit er SAP EWM nutzen beziehungsweise ausprägen möchte.“

Richtig sei sicherlich, dass jedes Unternehmen unterschiedliche Schwerpunkte in der Logistik habe und hieraus individuelle Vorteile generiere. „Jedoch ist eine Konzentration auf reine intralogistische Prozesse im Zuge der immer stärkeren Rückverfolgbarkeit von Waren, Statusmeldungen, Transparenz der Lieferbeziehungen, Produktionsnetzwerken, des Wandels von physischen zu digitalen Beständen oder Verfügbarkeitsabfragen nicht mehr zeitgemäß und anforderungsgerecht“, ist Matthias Martens sicher.

Das strategische Ziel von SAP ist es ja, Unternehmen bei der Vereinfachung von logistischen Prozessen zu unterstützen und Personen, Endgeräte und Geschäftsnetzwerke problemlos miteinander zu verknüpfen. „Echtzeitinformationen versetzen Unternehmen in die Lage, Angebot und Nachfrage operativ – in Echtzeit – zu steuern und ihre Lieferketten und Lagerprozesse entsprechend zu optimieren“, gibt Jens Kappauf zu bedenken. „Für unsere Kunden ist das ein echter Mehrwert – für die Planung, Ausführung, Vorhersage oder Simulation.“ Der hohe Detaillierungsgrad der Information ermögliche rasche Entscheidungen und schnelleren Nutzen.

Hierzu ließen sich die wesentlichen Vorteile von SAP S/4HANA für die Logistik Kappaufs Worten zufolge wie folgt zusammenfassen:

  • geringerer Gesamtspeicherbedarf und höherer Datendurchsatz;
  • deutliche Performancesteigerungen und Entscheidungsfindung;
  • weniger Prozessschritte, ein neues und vereinfachtes logistisches Datenmodell und Konfigurationsfunktionen, die eine schnelle Implementier- und Erweiterbarkeit gewährleistet;
  • funktionale Erweiterung bestehender ERP-Komponenten für das „Material-Management“;
  • neue, zeitgemäße und einheitliche Benutzeroberfläche, basierend auf SAP Fiori.

Sind genügend Add-ons verfügbar?

Wenn es um SAP und seine vielen Premiumpartner geht, fällt beinahe reflexhaft das Stichwort „Add-ons“. All for One Steeb verfügt über 75 dieser Zusatzlösungen, die jeweils spezifische Fragestellungen aus Logistik, Transport, Produktion, aber zum Beispiel auch aus dem Rechnungswesen adressieren. „Die Zusatzlösungen verfügen über eine eigene Roadmap, diese auch unter S/4HANA anzubieten. Aktuell steht bereits circa die Hälfte der Zusatzlösungen zur Verfügung“, sagt Matthias Martens. „Hingewiesen sei hier auf die ,Mobile-Logistic‘-Lösungen. Diese skalieren aufgrund des ,One-Line-of-Coding‘-Ansatzes in S/4HANA mit einem modernen Oberflächengenerator auf Basis SAP-UI5 auf vielen Endgeräten (Scanner, Smartphones, Staplerterminals, Datenbrillen).“ Und weitere Connected-Logistics-Lösungen speziell für SAP EWM und den digitalen Kern als auch Cloud-Lösungen seien in Entwicklung.

Es geht auch ohne Add-ons

Ganz anders bei Prismat. „Aus unserer Sicht benötigt man keine Add-ons. SAP selbst stellt für die Migration viele Tools zur Verfügung, die wir bei Migrationsprojekten nutzen. Und grundsätzlich verfolgen wir bei all unseren Projekten einen standardnahen Weg und versuchen, unsere Kunden im Sinne eines Standardsystems wie SAP unabhängig von uns als Implementierungspartner zu machen“, sagt Fin Geldmacher.

Salt Solutions ist eigenen Worten zufolge bereits seit vielen Jahren als Experte für Lagerlogistik bekannt, verfügt über eine langjährige Branchenexpertise, marktführende SAP-EWM-Kompetenz und ein exzellentes technisches Know-how in Bezug auf Integration und Automatisierung. „In diesem Zusammenhang runden wir unser Beratungsportfolio konsequent mit funktionalen Erweiterungen des SAP-Standards ab und helfen unseren Kunden, das volle Potenzial der SAP-Technologie auszuschöpfen“, ist sich Jens Kappauf sicher. Sämtliche Salt-Add-ons sind seinen Worten zufolge zukunftsweisend entwickelt, auf die Erfordernisse von SAP S/4HANA abgestimmt und würden auch langfristig von seinem Unternehmen weiterentwickelt.

Flexus-Mann Bierbaums stößt ins gleiche Horn: „Wir haben uns seit vielen Jahren auf die Optimierung der Intralogistik rund um SAP spezialisiert. Aufgrund dieser Erfahrungen bieten wir zahlreiche sofort einsetzbare Add-ons an.“ Dazu zählen sowohl mobile Lösungen für SAP als auch das FLX-TLS Transport-/Staplerleitsystem zur optimierten Abwicklung aller innerbetrieblichen Transporte mit den verschiedensten Fahrzeugen. Ergo: EWM kann kommen!

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