Recruiting

Was tun gegen den Fachkräftemangel in der Logistik?

| Autor: Sebastian Hofmann

Für 43 % der Logistikbetriebe in Deutschland ist der Fachkräftemangel stark bemerkbar. Das ergab eine Umfrage der Bundesvereinigung Logistik (BVL).
Für 43 % der Logistikbetriebe in Deutschland ist der Fachkräftemangel stark bemerkbar. Das ergab eine Umfrage der Bundesvereinigung Logistik (BVL). (Bild: ©VadimGuzhva - stock.adobe.com)

Die Logistik hat schwer mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen. Wie er entsteht, welche Auswirkungen er hat und was man gegen ihn tun kann, erfahren Sie hier!

Der Fachkräftemangel in der Logistik greift um sich. In einer Umfrage der BVL gaben 90 % der 112 teilnehmenden Betriebe an, den Mangel an geeignetem Nachwuchs zu spüren. Vor allem die Logistikdienstleister leiden darunter: 78 % der Befragten dieses Sektors finden zu wenige junge Fachkräfte. Mit Ricardo Corominas, dem Managing Director von Page Personnel und einem Experten auf dem Gebiet Recruiting, haben wir darüber gesprochen, welche Ursachen der Fachkräftemangel in der Logistik hat, wie man ihm entgegensteuern kann und welche Rolle Millennials dabei spielen.

Schon seit Jahren haben Logistikunternehmen mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen. Wie akut ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt im Moment?

Corominas: Derzeit sind rund 50.000 Stellen in der Logistik unbesetzt. Je nachdem, welche Geschäftsbereiche man zur Logistik zählt, fällt dieser Wert etwas geringer oder großzügiger aus. Besonders hart trifft der Fachkräftemangel die Lagerlogistik. Hier fehlen im Vergleich zu anderen Sparten übermäßig viele Mitarbeiter. Allerdings muss man differenzieren: Während es im Supply Chain Management oder im Einkauf zwar nur an wenigen, aber spezialisierten Mitarbeitern mangelt, fehlen in der Lagerlogistik viele Arbeitskräfte mit geringer Spezialisierung. Das liegt sicher daran, dass es hier traditionell eher Stellen gibt, die einen vergleichbar geringen Mehrwert haben und obendrein noch körperlich anstrengend sind. Viele Lagerfachkräfte haben aufgrund ihrer schulischen Qualifikation nur wenige andere Berufsperspektiven.

In einer Umfrage der BVL gaben 90 % der 112 Befragten an, den Fachkräftemangel zu bemerken. 43 % spüren ihn sogar stark.
In einer Umfrage der BVL gaben 90 % der 112 Befragten an, den Fachkräftemangel zu bemerken. 43 % spüren ihn sogar stark. (Bild: Bundesvereinigung Logistik)

Mehr als ein Drittel aller Logistikbetriebe kann einige bis viele Ausbildungsplätze nicht mehr besetzen. Woran liegt es, dass gerade so viele junge Fachkräfte der Branche fernbleiben?

Corominas: Die Logistik hat es schlicht und einfach verschlafen, mehr für ihr Image zu tun. Man verbindet sie großteils mit Lkw-Unternehmen und einfachen Tätigkeiten und weiß gar nicht, wie modern und digital sie an anderen Stellen auch ist. Die Branche hat es verpasst, sich hier besser zu positionieren und dem Nachwuchs zu zeigen, dass sie an vielen Stellen hoch technologisiert ist und – jetzt mehr denn je – junge Leute braucht, die fit im Bereich Digitalisierung sind. Unternehmen müssen dringend Maßnahmen ergreifen, um insgesamt sichtbarer auf dem Bewerbermarkt zu werden und ihr Image zu wandeln. Es gibt in der Logistik mehr als lange Arbeitsstunden, wenig Work-Life-Balance und geringe Löhne.

Ist das Bild niedriger Löhne in der Logistik tatsächlich so aus der Luft gegriffen?

Corominas: Zumindest teilweise. Die Margen in der Logistik fallen grundsätzlich nicht sehr hoch aus. Deshalb sind auf den ersten Blick die Gehälter auch nicht die attraktivsten. Beileibe sind es aber auch nicht die niedrigsten! Mal abgesehen davon ist die Logistikbranche für den Nachwuchs durch ihre spannenden Berufsfelder interessant. Gerade im Bereich Import, Export und Zölle gibt es Positionen, in denen man im engen Kontakt mit anderen Ländern steht, viel reist und täglich neue Herausforderungen meistern muss.

Und was ist beispielsweise mit den Berufen in der Lagertechnik?

Corominas: Langfristig werden Arbeitsstellen, die viel Körpereinsatz erfordern, verschwinden. Roboter und automatisierte Prozesse erledigen diese Aufgaben schon heute in vielen Betrieben schneller und besser als Menschen. Dennoch: Lagerfachkräfte braucht es auch weiterhin, etwa zur Bedienung und Wartung von Maschinen. Es ist also keinesfalls sinnlos, heutzutage noch eine Ausbildung im Lager zu machen. Sie dient zur Vermittlung von Grundkenntnissen und wertvollem Fachwissen. Wichtig ist nur, dass man sich als Lagerfachkraft stetig weiterbildet und immer up to date bleibt.

Ist die Digitalisierung in Ihren Augen also eher Jobschafferin oder Jobvernichterin?

Corominas: Ganz klar Jobschafferin.

Obwohl durch Industrie 4.0 und Co. viele Arbeitsstellen überflüssig gemacht werden könnten?

Corominas: Durch Automatisierung und Digitalisierung entstehen neue Aufgabenprofile und Berufsfelder. Man braucht beispielsweise Leute, die Roboter programmieren, instandhalten und für Prozessoptimierung zuständig sind. Auf diese Entwicklung müssen Logistikunternehmen unbedingt auch ihre Ausbildungsstrukturen ausrichten. Zunehmend geht es um die Wissensvermittlung zu Themenschwerpunkten wie Telekommunikation oder digitale Netzwerke.

Die Story im Ersten zeigt, wie sich Industrie 4.0 schon heute auf die Jobs im Transport und in der Warenverteilung auswirkt (ab 14:24). Sehr sehenswerter Beitrag!

Hat die Branche das bereits begriffen?

Corominas: Leider tut sich die Logistik hier etwas schwer. Vielen ist gar nicht klar, welche technischen Möglichkeiten sie haben und was sich derzeit am Arbeitsmarkt tut. Dadurch verschenken sie wertvolles Potenzial.

Bislang haben wir vor allem über die Arbeitgeberseite gesprochen. Immer wieder hört man aber auch, dass zu hohe Erwartungshaltungen der neuen Arbeitergeneration ein Problem sind. Sollten die Millennials ihre Ansprüche vielleicht einfach etwas herunterschrauben?

Corominas: Wenn wir an diesem Punkt angelangt sind, an dem die Branche meint, sie kann nicht auf die neuen Anforderungen der Millennials eingehen, dann haben wir eigentlich schon verloren. Derzeit findet eine Weiterentwicklung am Arbeitsmarkt statt und das müssen wir akzeptieren. Es ist nun wirklich auch keine Mammutaufgabe. Nehmen wir beispielsweise das Thema Work-Life-Balance. Hier könnte man heute ganz einfach mit Homeoffice-Arbeitsplätzen nachhelfen. Natürlich geht das nicht in jeder Sparte, aber wenn wir etwa über Supply Chain Management und Einkauf reden, dann schon. Sich den Erwartungshaltungen von Millennials anzunähern, ist also nicht unmöglich. Dennoch gelingt heute an vielen Stellen noch nicht.

" Derzeit findet eine Weiterentwicklung am Arbeitsmarkt statt und das müssen wir akzeptieren. Ricardo Corominas
Managing Director bei Page Personnel
"

Welche Sofortmaßnahmen müssen Logistikunternehmen jetzt also umsetzen, um nicht unter die Räder zu kommen?

Corominas: Zuerst einmal muss die Branche für ihre Mitarbeiter transparenter werden. Das heißt: Klare Erfassung und Protokollierung von Arbeitsstunden, nachvollziehbare und erfüllbare Aufgabenbelastungen und eine faire Work-Life-Balance etablieren.

Wie sieht es in Sachen Gehalt aus?

Corominas: Betriebe müssen vor allem auf die weichen Faktoren achten, denn die sind Millennials besonders wichtig. Der Nachwuchs entscheidet zunehmend nicht mehr nur nach der Vergütung, sondern auch die Rahmenbedingungen müssen passen. Nehmen wir das Beispiel Diversity Management: Der Auftritt von Unternehmen gegenüber Vielfalt, sei sie kulturell, geschlechtlich oder bezogen auf die sexuelle Orientierung, ist für Millennials ein bedeutsames Kriterium bei der Berufswahl. Trotzdem haben heutzutage noch immer nicht alle die gleichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Logistikbetriebe müssen hier eine ganz klare Botschaft senden: „Wir sind eine zukunftsträchtige Branche, in der Du wachsen kannst. Und wir unterstützen Dich, egal woher Du kommst und was Du machst. Nicht nur heute, sondern auch in Zukunft.“

Wie sehen Sie's? Teilen Sie Ihre Einschätzung in den Kommentaren mit uns!
  • Warum hat gerade die Logistik mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen?
  • Aus welchem Grund interessieren sich vor allem junge Arbeitskräfte nicht für die Branche?
  • Haben auch Sie schon schlechte Erfahrungen in Logistikjobs gemacht? Welche?
  • Teilen Sie Herrn Corominas Einschätzung, dass viele körperlich anspruchsvolle Berufe künftig von intelligenten Systemen und Robotern erledigt werden könnten?
  • Sebastian Hofmann
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