Interview Kunststoff ist das neue Holz

Im Mai haben Aldi Nord und Aldi Süd bekannt gegeben, eine „Düsseldorfer Palette“ aus Kunststoff einzuführen. Wir sprachen mit Stefan Ruhland, Leiter Logistikmanagement bei Aldi Süd, und Thomas Walther, Inhaber des Ladungsträgerlieferanten Walther Faltsysteme, über Beweggründe der Zusammenarbeit und den Projektstatus.

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Die KDP, die „Kunststoff Düsseldorfer Palette“ von Walther Faltsysteme, soll als Halbpalette innerhalb der nächsten Jahre sämtliche Holzpaletten bei Aldi Nord und Süd ersetzen.
Die KDP, die „Kunststoff Düsseldorfer Palette“ von Walther Faltsysteme, soll als Halbpalette innerhalb der nächsten Jahre sämtliche Holzpaletten bei Aldi Nord und Süd ersetzen.
(Bild: Walther Faltsysteme)

Seit diesem Herbst ersetzen Aldi Nord und Aldi Süd ihre klassischen, 800 mm × 600 mm messenden Ladungsträger aus Holz durch eine KDP – die „Kunststoff Düsseldorfer Palette“. Wir sprachen mit den beiden Protagonisten dieses für den logistischen Alltag des Lebensmitteleinzelhandels womöglich richtungsweisenden Turnarounds von Holz zu Kunststoff.

Herr Ruhland, haben Sie Angst vor Holzspreißeln, weil Sie jetzt auf Kunststoff gehen?

Stefan Ruhland: Nein, Angst vor Holzspreißeln haben wir nicht, eher Sorge, was die Qualität der Holzpalette angeht. Wir suchen schon sehr lange nach einer Alternative. Die ausschlaggebende Komponente ist hier die Qualität.

Aldi Nord und Aldi Süd gehen nicht immer gemeinsame Wege. Mussten Sie Überzeugungsarbeit bei Aldi Nord leisten?

Ruhland: Ich muss da widersprechen: Wir tun ziemlich viel gemeinsam. Das Projekt gibt es schon ziemlich lange und wir waren von Anfang an immer im Austausch. Wir waren ja gemeinsam beteiligt und von daher musste ich keine große Überzeugungsarbeit bei den Kollegen im Norden leisten.

Seit 2018 führt Stefan Ruhland als Leiter Logistikmanagement den Bereich Pooling bei Aldi Süd. Bereits seit 2009 ist er für den Discounter in verschiedenen Positionen tätig.
Seit 2018 führt Stefan Ruhland als Leiter Logistikmanagement den Bereich Pooling bei Aldi Süd. Bereits seit 2009 ist er für den Discounter in verschiedenen Positionen tätig.
(Bild: Aldi Süd)

Und was versprechen Sie sich jetzt konkret von dieser „Kunststoff Düsseldorfer Palette“ (KDP)?

Ruhland: Es geht zunächst einmal um das Thema Qualität. Wir stellen fest: Der Pool der Tauschpaletten wird, insbesondere in den letzten Jahren, immer schlechter; die Qualität nimmt ab. Niemand investiert in diesen Markt, denn die Qualität, die Sie hineingeben, bekommen Sie in der Regel nicht wieder zurück. Und warum Kunststoff? Naja, zum einen kennen wir Lieferanten aus der Industrie, die gerne eine Alternative zu Holz und zur Holz-Pooling-Palette hätten. Ein großer Vorteil der KDP: Die Kunststoffpalette ist sehr lange haltbar – wir gehen hier von mehreren Jahren aus, weil sie reparabel ist. Eine defekte Kufe kann ersetzt werden und das Deck hält sehr lange. Ein nicht unwesentlicher Punkt ist auch das Gewicht. Eine Kunststoffpalette ist deutlich leichter als das Holzpendant. Wenn wir eine Pooling-Palette aus Holz mit der „Kunststoff Düsseldorfer Palette“ vergleichen, dann ist die KDP um bis zu 50 % leichter. Sie können sich vorstellen: Gerade beim Handling in der Filiale gibt das den Ausschlag. Wir bewegen uns außerdem ja stark in Richtung Digitalisierung und diese Palette soll uns sehr lange begleiten. Sie ist dementsprechend zukunftsfähig aufgebaut: Sie besitzt Barcodes und sie kann mit RFID-Chips ausgestattet werden, auch wenn diese heute noch nicht überall genutzt werden.

Thomas Walther: Ein ganz wesentliches Thema ist natürlich auch die Automatisierung bei den Lieferanten. Wenn Sie sehen, was heute teilweise für Umpackprozesse laufen, um in automatisierten Lägern durch die Förderstrecken zu kommen, weil schlechte Paletten reingehen, die nicht förderfähig sind. Da ist eine Kunststoffpalette mit ihrer extrem genauen Maßhaltigkeit erst die Voraussetzung für die Lieferanten von Aldi, stärker automatisieren zu können.

Herr Ruhland, was heißt, Sie wollen die Holzpalette „nach und nach“ ersetzen, über welchen Zeitraum sprechen wir da?

Ruhland: Das ist ein großes Projekt. Wir haben zum Beispiel Restriktionen bei der Produktion. Wir lassen eine große Anzahl produzieren und das geht nicht innerhalb von zwei Wochen. Weil es ein neuer Ladungsträger ist, reden wir natürlich mit allen unseren Lieferanten, die auf Halbpaletten anliefern. Unser Umstellungsplan ist ganz einfach: Wir stellen pro Lieferant um, nach und nach. Wir schauen uns also an, was wir an Paletten zur Verfügung haben und welchen Lieferanten wir als nächsten auf dieses neue System aufschalten. Wir haben uns vorgenommen, das über die nächsten Jahre zu erledigen. Ob wir dann schon bei 100 % sind, kann ich aus heutiger Sicht nicht sagen, das muss sich zeigen. Aber unser Ziel ist klar: Wir wollen die Tausch-Holz-Düsseldorfer Palette komplett ersetzen, sodass wir sie in unseren Kreisläufen nicht mehr haben.

Herr Ruhland, können Sie etwas zu Ihrem Pooling-Dienstleister Polymer Logistics sagen?

Ruhland: Wir waren ein großer Verfechter des Tauschsystems, haben aber schon im Vorjahr erste Schritte unternommen, die sich vom reinen Tausch wegbewegt haben. Wir haben begonnen, beim einen oder anderen Lieferanten auch Pooling-Paletten zu akzeptieren. Das neue System ist noch ein bisschen anders, weil es – Status quo zumindest – ein geschlossenes System ist. Mit Polymer Logistics arbeiten wir schon länger zusammen. Die übernehmen jetzt das Pooling für Aldi Süd, Aldi Nord und Hofer. Polymer Logistics macht alles rund um das Pooling: Die logistischen Leistungen, wie Paletten von A nach B fahren, übernimmt aber auch die Inspektion der Paletten, ihre Reparatur, falls notwendig, und auch die Reinigung. Sie sorgen dafür, dass die Paletten zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Menge am richtigen Ort sind.

Seit 1994 leitet Thomas Walther den Verpackungsspezialisten Walther Faltsysteme in zweiter Generation. Er hat das Familienunternehmen als Experten für kundenindividuelle Mehrweg- Transportlösungen am Markt etabliert.
Seit 1994 leitet Thomas Walther den Verpackungsspezialisten Walther Faltsysteme in zweiter Generation. Er hat das Familienunternehmen als Experten für kundenindividuelle Mehrweg- Transportlösungen am Markt etabliert.
(Bild: Walther Faltsysteme)

Herr Walther, einmal eher technisch gesehen: Was unterscheidet die KDP von der normalen Holzpalette, aber auch von den schon im Markt befindlichen Kunststoff-Halbpaletten?

Walther: In der Hauptsache das, was Herr Ruhland schon angesprochen hat, ob es das Thema Gewicht ist oder Hygienefähigkeit. Ein Riesenthema ist auch ihre Ausstattung, ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal zu den bestehenden Holzpaletten. Meines Wissens gibt es noch nicht so viele Paletten im Markt, die eine Kombination aus In-Mould Labelling und RFID besitzen. Die Vorgabe von Aldi in Richtung Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung haben wir letztendlich über zwei Wege erfüllt: Einerseits bei der Materialauswahl mit einem deutlichen Anteil von Regenerat, sprich schon einmal gebrauchtem Kunststoff oder werbetechnisch Altplastik genannt. Wir setzen dabei Post-Consumer-Material in der Größenordnung von gut 30 % ein. Nachhaltigkeit und Dauerhaftigkeit des Einsatzes sind natürlich auch zwei wichtige Faktoren. Was die Wirtschaftlichkeit eines solchen Pools bestimmt, ist die Reparaturfähigkeit. Schäden, etwa durch Gabelstaplerzinken, passieren natürlich, bei der Kunststoff- genauso wie bei der Holzpalette. Wir haben diese Schäden, die sich im Wesentlichen auf den Kufenbereich beziehen, bei der Konstruktion der Palette berücksichtigt. Die Kufen sind, auch ohne Werkzeug, relativ einfach austausch- und reparierbar. Der Teil der Palette, der mit Kennzeichnungstechnik ausgestattet ist, wird geschont. Dazu gibt es ein klassisches Ersatzteilkonzept, das so angelegt ist, dass wir defekte Teile auch in den Kreislauf zurückführen.

Herr Walther, Sie sprechen von 30 % Recyclatanteil. Ist daran gedacht, das in Zukunft auf vielleicht 40 oder 50 % zu erhöhen?

Walther: Die Vorgabe von Aldi ist ganz klar: den Anteil an Regenerat zu erhöhen. Da stoßen wir an gewisse technische Grenzen. Wenn die Haltbarkeit der Palette mehrere Jahre betragen soll, dürfen wir bei der technischen Qualität des Werkstoffs und der ganzen Palette keine Abstriche machen. Da hilft uns ein wenig die Forschung im Regeneratbereich. Wir bekommen regelmäßig entsprechende Rezepturen, die wir testen und bei denen wir über Produktbemusterungen klären, ob sich der Regeneratanteil erhöhen lässt.

Wie sieht es denn grundsätzlich mit der Witterungsbeständigkeit der KDP aus, etwa bei direkter ultravioletter Sonneneinstrahlung?

Walther: Wir sind nicht immer unter Dach, aber zum größten Teil stehen die Paletten bei den Lieferanten im Packbereich, in den Zentrallägern bei Aldi und dann in der Filiale. Das ist nicht so wie bei Obst- und Gemüsebehältern, die ein paar Tage auf dem Feld stehen. Die KDP sind durch die entsprechende Zugabe UV-stabilisiert, um den Versprödungseffekt weitestgehend zu reduzieren.

Ruhland: Der Einsatz einer Pooling-Palette ist natürlich auch dazu da, dass das Pufferlager an Ladungsträgern bei einem Lieferanten entsprechend reduziert werden kann. Bei dem System, wie wir das jetzt hier aufziehen, kann der Lieferant bedarfsgerecht bei Polymer Logistics bestellen. Und Polymer Logistics hat die Paletten, die im Moment dort nicht benötigt werden, in seinem Kreislauf. Es werden immer noch einmal Paletten draußen gelagert werden, aber die Anzahl an Ladungsträgern beim Lieferanten vor Ort wird abnehmen, weil man deutlich bedarfsgerechter bestellen kann. Ein Punkt zum Thema Nachhaltigkeit und Ökologie ist mir noch besonders wichtig: Beim Ladungsträger ist das die Frage, ob die Kunststoff-Halbpalette nachhaltiger ist als die Holzpalette. Das Fraunhofer-Umsicht analysiert jetzt gerade für uns die Umweltauswirkungen der Kunststoffpalette gegenüber einer Tausch-Holz-Düsseldorfer Palette. Auch wenn die Ergebnisse noch nicht final sind, eines können wir schon sagen: Es wird klar positiv für die Kunststoffpalette ausgehen.

Herr Ruhland, Herr Walther, haben Sie herzlichen Dank für die Insights in Ihr Projekt, für das ich Ihnen jetzt und in Zukunft viel Erfolg wünsche!

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