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Liftsysteme Lagertechnische Visionen werden Realität

| Autor / Redakteur: Gerd Knehr / Dipl.-Ing. (FH) Reinhold Schäfer

Wenn es um die Lagerung von Produkten geht, gibt es immer wieder Nischenprodukte, hohe Qualitätsstandards oder andere Kriterien, die anspruchsvolle, neue Verfahrens- und Produktionstechniken erfordern. Dementsprechend müssen auch die einzelnen Komponenten der Lagersysteme individuell an die jeweilige Produktkategorie angepasst werden.

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Intermed setzt zehn Megalift FSE von Megamat ein, um etwa 11000 Arztpraxen mit Praxiszubehör im 18-Stunden-Service zu versorgen. Bild: Megamat
Intermed setzt zehn Megalift FSE von Megamat ein, um etwa 11000 Arztpraxen mit Praxiszubehör im 18-Stunden-Service zu versorgen. Bild: Megamat
( Archiv: Vogel Business Media )

Die Automatisierung im Materialfluss stößt immer mehr in Bereiche vor, die noch vor wenigen Jahren als utopisch, unrealistisch oder unwirtschaftlich galten. So hat zum Beispiel HK Ruokatalo, einer der größten Fleisch- und Geflügellieferanten Nordeuropas, in diesem Jahr eine hoch automatisierte Logistiklösung in Betrieb genommen. Mit dem Multishuttle-System von Dematic können täglich bis zu 66 000 Behälter mit Fleisch- und Wurstwaren auf 1600 Paletten im 2-Schicht-Betrieb in das gesamte Baltikum ausgeliefert werden.

Der gemeinsam von Dematic und Fraunhofer IML entwickelte „Multishuttle“ ist ein modular aufgebautes Behälterlagersystem, das Lagerung und Transport in einem durchgängigen Konzept vereint. Der Projektleiter von Dematic, Dr. Volker Jungbluth, der maßgeblich an der Entwicklung dieses „Vielfach-Pendelverkehrssystems“ beteiligt ist, erläutert den Multishuttle wie folgt: „Bei unserem System verfahren eigenständige Fahrzeuge – Multishuttles genannt – in den Regalebenen. Bei uns ist die Anzahl der benötigten Shuttles abhängig von der Kundenanforderung. Somit erhält man zum ersten Mal ein Lagersystem, das in seinem Lebenszyklus durch die Hinzunahme weiterer Shuttles in der Leistung den Anforderungen angepasst werden kann.“

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Die Vision vom Shuttle-Konzept erläutert Prof. Dr. Michael ten Hompel, der Leiter des Fraunhofer IML, mit folgenden Worten: „Wir merken zunehmend, dass wir im Bereich der Materialflusssteuerung an unsere Grenzen stoßen. Dies betrifft vor allem die Verfügbarkeit flexibler Systeme.“ Multishuttle-Systeme von Dematic, HDS von Vanderlamde oder OSR von Knapp zeigen laut ten Hompel deutlich die Entwicklung in Richtung kleiner, teilweise autonom tätiger Fahrzeuge.

In größerer Anzahl eingesetzt, seien sie in der Lage, hochdynamisch auf eine entsprechende Auftragslast zu reagieren. Diese Entwicklung werde in naher Zukunft auch zu einer Renaissance von fahrerlosen Transportsystemen führen. „Bei der Steuerung ist andererseits eine adäquate Entwicklung zu beobachten“, so ten Hompel. „Dezentrale und autonome Steuerungseinheiten ermöglichen die Entscheidung vor Ort und erhöhen damit entschieden die Flexibilität eines intralogistischen Systems. Denkt man diese Entwicklung zu Ende, so führt dies zu intelligenten Behältern, die ,mit RFID ausgestattet, sich selbstständig zu ihrem Ziel bewegen.“

Intralogistiksystem optimiert Zusammenspiel

Der bekannte Hersteller für Verpackungssysteme und Tabakverpackungsmaschinen, Focke, betreibt in seinem Werk Verden 80 Montagelinien. „An jeder Montagelinie werden pro Jahr vier bis sechs Maschinen gefertigt,“ erklärt Wolfgang Braasch, der Abteilungsleiter für die Materialwirtschaft bei Focke. Das sind pro Jahr 460 bis 500 Einzelmaschinen mit völlig unterschiedlichen Komplexitätsgraden. Die Montagelinien werden mit Teilen aus 72 Shuttle- und Paternosterlagern von Kardex sowie aus einem Palettenhochregallager versorgt. Mit der ausgetüftelten Intralogistiksoftware von Coglas wurde das Zusammenspiel für die unterschiedlichen Lagerkomponenten auf der Basis spezieller Algorithmen neu organisiert und optimiert.

„Komplexe Vorgänge müssen eine einfache Bedienung haben. So konnten wir beispielsweise durch die späte Aktivierung der Kommissionierung und die automatische Verfügbarkeitsprüfung vor dem Kommissionierstart die Fehlteile sehr stark reduzieren“, erläutert Dipl.-Ing. Hans-Jörg Wildhagen, Geschäftsführer von Coglas.

Ferngesteuerte Lifte steigern Prozessqualität

Am Standort Dingolfing befindet sich das zentrale Ersatzteillager der BMW-Gruppe. 2003 wurden die ersten 18 Lean-Lifte von Hänel beschafft, um etwa 20 000 Artikel auf möglichst geringer Stellfläche zu lagern. Das bisherige Ersatzteillager wurde zum Kleinteilekompetenzzentrum ausgebaut. Innerhalb Europa werden in 24 Stunden und weltweit in 48 Stunden alle BMW- und „Mini“-Ersatzteile ausgeliefert. In Zusammenarbeit mit der IT-Abteilung von BMW wurde daher ein ferngesteuerter Liftlauf auf TCP/IP-Kommunikation implementiert. 2006 wurden weitere 15 Hänel-Lean-Lifte mit Schnelllauftor und Lichtschrankenvorhang für ferngesteuerten Liftlauf ohne Einsicht auf die Entnahmeöffnungen installiert. Insgesamt hat die Anlage 33 Lean-Lifte.

Intermed, ein 3rd-Party-Logistics-Dienstleister im Pharmabereich, modernisierte seine manuelle Kommissionierung. Heute stehen in derselben Halle zehn Megalift FSE von Megamat: Somit wurden über 1000 m² frei für Kommissionierung, Palettenlager, Warenfluss, interne Logistik und Paketversand. Intermed versorgt etwa 11 000 Arztpraxen mit Praxiszubehör im 18-Stunden-Service. Mit den zusätzlichen Kapazitäten und dem Automatisierungsgrad der Gesamtanlage konnten weitere Versandhändler, für die Intermed die gesamte Logistik übernimmt, gewonnen werden. Michael Deininger, der Marketingleiter von Megamat, verdeutlicht: „Wichtiger als die Leistungsdaten der Maschine selbst ist der präventive Service, um bei Höchstleistungen, beispielsweise im 3-Schicht-Betrieb, die ständige Verfügbarkeit der eingelagerten Güter zu gewährleisten.“

Joachim Hänel, Geschäftsführer des Büro- und Lagersystemexperten Hänel, bringt es auf den Punkt: „Neue Märkte, Nischenprodukte, hohe Qualitätsstandards erfordern anspruchsvolle Verfahrens- und Produktionstechniken. Dementsprechend müssen die Lagersysteme angepasst werden. Die Entwicklung des Materialflusses in Richtung ,Internet der Dinge‘ beginnt gerade erst. Forschung in diesem Bereich halte ich für wichtig. Jedoch ist eine Automatisierung in jedem Fall unter dem Kosten-Nutzen-Aspekt zu betrachten.“

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