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Digitalisierung Mit frischem Wind von außen

| Autor/ Redakteur: Regina Schnathmann / Dipl.-Betriebswirt (FH) Bernd Maienschein

Die Beumer Group hat die Digitalisierung zur Chefsache erklärt, um die eigene Zukunftsfähigkeit zu sichern. Doch wie kann das gelingen? Wie kann ein Unternehmen, das seit rund 80 Jahren Maschinenbau als Kerngeschäft betreibt, die Digitalisierung in vollem Umfang forcieren?

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Das passende Umfeld: Bei der BG.evolution in Dortmund nehmen sich Beumer-Mitarbeiter eines Kundenproblems an und entwickeln sogenannte „Minimum Viable Products“, also minimal ausgestattete Prototypen, deren Marktpotenzial sie bis zur Marktreife prüfen.
Das passende Umfeld: Bei der BG.evolution in Dortmund nehmen sich Beumer-Mitarbeiter eines Kundenproblems an und entwickeln sogenannte „Minimum Viable Products“, also minimal ausgestattete Prototypen, deren Marktpotenzial sie bis zur Marktreife prüfen.
(Bild: Beumer)

Um sich fit für die Zukunft zu machen, setzt die Beumer Group unter anderem auf zwei Ausgründungen, die – mit Unterstützung von Start-ups – digitale Projekte in die Unternehmensgruppe tragen sollen. „Es wäre naiv zu glauben, dass wir einfach einen Knopf drücken müssen, um die digitale Transformation zu vollziehen“, sagt Dr. Johannes Stemmer. Er ist seit 2017 Director Digital Transformation bei der Beumer Group. In dieser Funktion veranstaltet er mit seinem Team unter anderem Workshops und initiiert intensive Diskussionen mit den Kollegen. „Was bedeutet digitale Transformation für uns und was wird sich verändern?“

Fragen, die auch die Mitarbeiter beschäftigen – nicht nur in den Entwicklungsabteilungen. Das Thema Digitalisierung müsse zuallererst im Unternehmen akzeptiert und angetrieben werden, ist er überzeugt.

Dem Servicetechniker werden über die Beumer Smart Glasses alle wichtigen Informationen in das Livebild der Gerätekamera eingeblendet.
Dem Servicetechniker werden über die Beumer Smart Glasses alle wichtigen Informationen in das Livebild der Gerätekamera eingeblendet.
(Bild: Beumer)

Die Beumer Group ist ein klassischer Maschinen- und Anlagenbauer mit etwa 4500 Mitarbeitern. Das Unternehmen hat sich in rund 80 Jahren zu einem der weltweit führenden Systemanbieter in der Intralogistik entwickelt. „Wir kümmern uns weltweit um alles, was von A nach B transportiert werden muss. Unsere Kunden sind beispielsweise große Paketdienstleister, deren Paketzentren wir mit unserer Sortier- und Verteiltechnik ausrüsten“, sagt Stemmer. „Bestellt ein Kunde ein Paket bei einem Onlinehändler oder schickt dieses wieder zurück, dann läuft das oft über eine unserer Anlagen.“ Dieses System lässt sich auch auf Koffer am Flughafen übertragen – alles, was der Passagier nicht sieht, vom Check-in bis zum Terminal und der Sortier- und Verteiltechnik von Gepäckstücken. Außerdem ist die Beumer Group Komplettanbieter von Verpackungslinien und liefert Förder- und Verladetechnik für Schüttgut für unterschiedliche Branchen. Doch immer mehr sind Entwicklungen getrieben von den aktuellen Herausforderungen aus der Digitalisierung.

Sich der Herausforderung stellen

„Um unsere Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, müssen wir unsere Produkte permanent verbessern, damit unsere Kunden ihre Kosten senken und Prozesse optimieren können“, erläutert Dr. Christoph Beumer, geschäftsführender Gesellschafter der Beumer Group. Dazu hat der Systemanbieter seit Jahren ein Innovationsmanagement fest in seine Strategie integriert und so in der Vergangenheit fast 100 Patente angemeldet. Und das Thema digitale Transformation? „Wir haben unsere Systeme mit der passenden Software ausgerüstet, um Logistikprozesse automatisiert und vernetzt steuern zu können“, sagt Stemmer. Doch das genügt heute nicht mehr. Der Systemanbieter wollte auf die massiven Veränderungen in der Branche reagieren und nicht darauf warten, bis Apple, Google, Facebook oder junge, aufstrebende Unternehmen, deren Namen man noch gar nicht kenne, das Ruder übernehmen. Es gilt, sich diesen disruptiven Angriff von außen selbst zu schaffen.

Digitalisierung ist Chefsache

Die Geschäftsführung schaute sich Ende 2015, Anfang 2016 in Berlin zehn Logistik-Start-ups mit softwarelastigen Geschäftsmodellen an. „Auf der Heimfahrt haben wir intensiv darüber diskutiert, welchen Stellenwert Digitalisierung bei uns im Unternehmen eigentlich haben müsste“, erinnert sich Stemmer, der damals noch Assistent von Beumer war. „Das Thema haben wir zur Chefsache erklärt.“ Unter anderem bildete er zusammen mit Beumer ein internes Team, um die Digitalisierung im Unternehmen voranzutreiben. Darum kümmern sollten sich die Kollegen aus der Forschung und Entwicklung. Doch das war gar nicht so einfach für die Techniker und Ingenieure, sich sowohl intensiv mit dem Kerngeschäft Maschinen- und Anlagenbau als sich auch in vollem Umfang mit der Digitalisierung zu beschäftigen. Auch waren mehrere interne Workshops nötig, um die Mitarbeiter dafür zu sensibilisieren und ihnen die Bedeutung sowie den Umgang damit nahezubringen.

Das Team diskutierte die inhaltliche und auch organisatorische Umsetzung der digitalen Transformation im Unternehmen. Um Kontakte in der Start-up-Szene zu knüpfen, ging der Director Digital Transformation einige Monate nach Berlin. „Ich habe sehr viele Veranstaltungen besucht und sehr viele Gespräche geführt – mit sehr interessanten jungen Firmen.“

Von außen nach innen – die Umsetzung

Als Ergebnis hat die Beumer Group zur bestehenden Innovationsabteilung zwei Ausgründungen gestartet. In Berlin entstand mit der Beam GmbH ein autark aufgestellter Company Builder. „Wir versuchen, einzigartige Probleme in der Logistik gemeinsam mit Gründerteams zu lösen“, sagt Teamleiter Robert Bach. „Meine Aufgabe ist es, Gründer mit für uns relevanten Geschäftsideen zu finden. Dazu wollen wir drei Start-ups pro Jahr hervorbringen und unter dem Dach der Beam in eine eigene Gesellschaft überführen.“ Ziel ist es, neue Geschäftsfelder in der Logistik zu erschließen.

In Dortmund entstand die BG.evolution. „Durch unser Team in Dortmund und gegebenenfalls externe Start-ups nehmen wir uns eines Kundenproblems an und entwickeln sogenannte ‚Minimum Viable Products‘. Das sind minimal ausgestattete Prototypen, die als mögliche Lösung für ein konkretes Kundenproblem getestet werden“, erklärt Christopher Kirsch, Teamleiter dieser Ausgründung. „Wir können damit relativ schnell entscheiden, ob eine neue Technologie im konkreten Fall eines Kundenproblems funktioniert oder nicht.“ Als Beispiel nennt er die Beumer Smart Glasses. Dieses digitale Produkt für besseren Kundenservice haben die Mitarbeiter in Dortmund gemeinsam mit ihren Kollegen aus dem Beumer Customer Support sowie der Forschung und Entwicklung in Beckum zur Marktreife gebracht. Dazu fanden bei verschiedenen Kunden Langzeittests statt, unter anderem bei einem langjährigen Kunden aus der Baustoffbranche mit Liveerprobung. „Diese Phase konnten wir erfolgreich abschließen. Mit den Beumer Smart Glasses können Kunden überall und zu jeder Zeit live mit den Serviceexperten in Kontakt treten. Für das kundenseitige Personal ist es dann so, als ob ihnen ein Beumer-Techniker quasi zur Seite steht, ohne selbst vor Ort zu sein“, beschreibt Kirsch.

Dr. Johannes Stemmer: „Es wäre naiv, zu glauben, dass wir einfach einen Knopf drücken müssen, um die digitale Transformation zu vollziehen.“
Dr. Johannes Stemmer: „Es wäre naiv, zu glauben, dass wir einfach einen Knopf drücken müssen, um die digitale Transformation zu vollziehen.“
(Bild: Beumer)

Dortmund statt Beckum? Das ist natürlich kein Zufall. „Wir haben hier Zugang zu verschiedenen Forschungseinrichtungen, unter anderem zum Fraunhofer-Institut. Dazu kommen Universitäten mit angehenden Programmierern und IT-Experten im Umfeld der Logistik, die für uns sehr interessant sind“, sagt Kirsch. Außerdem schafft die Entfernung zum Stammhaus Freiraum, sich neuen Technologien und Projekten zu widmen. Sowohl die Beumer-Group-internen Digitalisierungsprojekte als auch die Leitung der BG.evolution liegen bei Stemmer. „Meine Aufgabe ist es, die Teams in Dortmund und in Berlin zu unterstützen. Ich versuche, nachhaltige Brücken zwischen den Digitalisierungsinitiativen und der Beumer Group zu bauen.“

Gemeinsam erfolgreich

Das Kerngeschäft der Beumer Group besteht damit weiterhin und wird sich auch stetig weiterentwickeln. Dazu tragen die Kollegen in Dortmund bei. Parallel will die Unternehmensgruppe mithilfe der Berliner Beam digitale Firmen im Kontext der Intralogistik aufbauen, die langfristig Bestandteil der Unternehmensgruppe werden sollen. Doch wie profitiert ein Start-up konkret von dieser Zusammenarbeit? „Wir bieten ihnen umfassendes Intralogistik-Know-how, den Zugang zu Beumer-Fachleuten, Lieferanten und Kunden. Wir öffnen Türen und zeigen ihnen Möglichkeiten und Herausforderungen auf“, beschreibt Beam-Teamleiter Bach. „Auf diese Weise suchen wir neue Gründer und Talente, die mit uns ein konkretes Problem in einer eigenen GmbH lösen wollen.“ Dazu stellt der Systemanbieter auch eine Startfinanzierung bereit.

Das Besondere ist: Die Gründer können bei der Beam bis zu 80 % am eigenen Unternehmen besitzen. Denn der Beumer Group ist es wichtig, dass die Start-ups das Neue, das das Kerngeschäft disruptieren könnte, möglichst auch selbst steuern und kontrollieren. Und die jungen Firmen wollen natürlich auch etwas Eigenes aufbauen, unter eigenem Namen. „Die Motivation der Gründer ist uns sehr wichtig“, sagt Beam-Teamleiter Bach. „Anfangs profitieren sie vom Netzwerk und dem umfangreichen Wissen der Beumer Group, aber schon nach wenigen Jahren kennen sie sich im eigenen Geschäftsmodell und Kundenkreis besser aus als jeder Beumer-Fachmann.“

Was zählt, sind Motivation und Leidenschaft

Doch nicht jeder eignet sich als Gründer. „Konkret stellen wir zwei Anforderungen“, erläutert Stemmer. „Wir verlangen mindestens zwei Jahre Start-up-Erfahrung. Leute, die frisch von der Uni oder als Arbeitnehmer aus einem Konzern kommen, sind für uns nicht interessant.“ Können sie dies aufweisen, müssen sie sich einem Videointerview stellen und ihre Motivation und ihre Leidenschaft glaubhaft zeigen. Sind sie dann noch bereit, mindestens vier Monate zu investieren, können sie starten. „Wir schauen in dieser Zeit genau hin, wo ihr Fokus liegt.“ Machen sie Fortschritte? Wie ernst nehmen sie ihre Aufgaben und schaffen sie es, sich ein eigenes Geschäftsmodell zu erarbeiten? Das Schlimmste an seiner Arbeit sei es, den Jungunternehmern zu sagen, dass es einfach nicht reicht, sagt Bach. Aber das ist natürlich notwendig, denn die Beumer Group will mit den beiden Ausgründungen schließlich erfolgreich sein und schwarze Zahlen schreiben können. Gelingen soll dies bis zum Ende des aktuellen Strategiezyklus Ende 2023.

Für Start-ups ist die Logistik übrigens ein sehr attraktives Umfeld. Im Vergleich zur Fashion-Industrie etwa ist diese Branche um einiges größer. Und das Potenzial ist riesig, weil der Trend zur Automatisierung in der Intralogistik immer weiter zunimmt: Um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, müssen Unternehmen mit ihren Anlagen und Systemen rationeller und sicherer arbeiten. ■

* Regina Schnathmann ist Leiterin Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit bei der Beumer Group GmbH & Co. KG in 59269 Beckum,Tel. (0 25 21) 24-0, beumer@beumergroup.com

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