Logistik

Temperaturgeführte Transporte

05.06.2007 | Autor / Redakteur: Reinhard Irrgang / Bernd Maienschein

Seit 2005 bietet die mittelständische Stückgut-Kooperation System Alliance mit derzeit 39 angeschlossenen Betrieben ihren „Thermo-Service“ an. Bild: Hellmann
Seit 2005 bietet die mittelständische Stückgut-Kooperation System Alliance mit derzeit 39 angeschlossenen Betrieben ihren „Thermo-Service“ an. Bild: Hellmann

Das Spektrum temperaturgeführter Transporte umfasst, je nach beförderten Waren, arktische Tiefkühlgrade ebenso wie frühlingshafte 18 °C. Logistische Services dieser Art, die beispielsweise für Süsswaren und Lebensmittel aller Art, Farben und Lacke sowie Medikamente und Kosmetika durchgeführt werden, leben von einer professionell organisierten durchgehenden Supply-Chain, die produktgerecht einheitlich temperiert ist. Eine Reihe von Einsatzbeispielen illustriert die hohen Anforderungen an die „wohltemperierte Logistik“.

Im Juli 2006 hat die Dachser Food Logistics in Langenau die Transporte der Manner-Schnitten übernommen. Die auch „Neapolitaner“ genannten, mit Haselnüssen gefüllten Waffeln sind das bekannteste Produkt der renommierten österreichischen Manner AG. Der größte Süßwarenproduzent Österreichs erwirtschaftet mit rund 800 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von 140 Mio. Euro, vertreibt etwa 800 Produkte und beliefert weltweit 50 Länder.

Dachser kümmert sich nicht nur um die termingerechte Auslieferung der Süßwaren beim Handel, sondern unterstützt Manner auch mit Kontraktdienstleistungen. So führt die Dachser Niederlassung Langenau bei Ulm seit 1. Juli 2006 das Zentrallager Deutschland für Manner. Insgesamt bietet die Niederlassung rund 38 400 m2 Hallenfläche mit der Möglichkeit, Lagerungen in vier verschiedenen Temperaturzonen auf mehr als 67 000 Palettenstellplätzen anzubieten.

Das Warehousing für die Manner-Spezialität „Neapolitaner“ erfolgt im Food-Logisticslager, das auf 14 °C temperiert ist. Insgesamt rund 600 t der begehrten Süßigkeit werden hier gelagert. Anhand elektronisch übermittelter Daten werden die Kundenaufträge per Pick-by-Voice kommissioniert, Lieferscheine gedruckt und die Ware wird im Zentrallager zum Versand bereit gestellt.

„Mikado“ und „Domino“ im Einsatz für Manner

Disponiert wird trotz dieser großen Mengen und ganz im Sinne temperaturgeführter Logistik sehr kurzfristig. So holt Dachser täglich in den drei Produktionsstätten in Österreich die für Deutschland bestimmte Fertigware ab, die dann in Langenau gelagert wird. Die Warehouse- und Speditionsprozesse werden von den Dachser-eigenen IT-Systemen Mikado und Domino gemanagt.

Die Neapolitaner bleiben jeweils nur kurz im Warehouse, bevor sie an die Kunden ausgeliefert werden. Bereits während der Kommissionierung und während des gesamten Transports im Dachser-Netz bis zu Auslieferung beim Empfänger hat Manner die Möglichkeit, jeden einzelnen Auftrag über Dachsers E-Logistics-Anwendungen am Computer zu begleiten.

Wie die Verantwortlichen betonen, besteht das Ziel der Zusammenarbeit der beiden Unternehmen darin, dass „zumindest 99% der versendeten Waren ohne Beschädigungen oder Verzögerungen bei den Kunden von Manner ankommen“. Die Qualität der Logistikdienstleistung gewährleisten regelmäßige interne Audits und eine sehr genaue Qualitätsüberwachung. Für Transparenz sorgt eine Chargenrückverfolgung gemäß EU-Recht, die bei Dachser durchgängig systemgestützt ist.

Wohltemperiert ans Ziel

Seit 2005 bietet die mittelständische Stückgutkooperation System Alliance ihren „Thermo-Service“ für Kunden an, die auf temperaturgeführte Transporte angewiesen sind. Dabei setzen die 39 angeschlossenen Betriebe systemeigene Thermo-Wechselbrücken ein, die innerhalb eines Tages an allen Standorten in Deutschland zur Verfügung stehen.

Der Umschlag erfolgt in der Regel zentral über das Hub der Systemzentrale in Niederaula. Inzwischen gehören auch zahlreiche Direktverkehre zum Angebot der 16 Gesellschafter und Partner. Geliefert wird bereits am nächsten Arbeitstag.

„Seit der Einführung des Thermo-Service im November 2005 ist die Tagestonnage kontinuierlich gestiegen“, berichtet Georg Köhler, Geschäftsführer von System Alliance. Dabei hat sich die Gesamtmenge temperaturgeführter Sendungen monatlich verdoppelt. Und auch in der laufenden Periode rechnet Georg Köhler mit einer weiter anziehenden Nachfrage.

Wenn es um stabile Transporttemperaturen geht, stehen die bundesweit rund 250 Hersteller von Farben, Lasuren und Lacken besonders unter Druck: Denn am 1. Januar 2007 trat die novellierte VOC-Richtlinie in Kraft. Darin wird die Emission flüchtiger organischer Verbindungen stark reglementiert.

„Für die mittelständisch geprägten Unternehmen der Lack- und Farbenindustrie hängt die Qualität ihrer Produkte stark mit der Qualität des Transportweges zusammen“, erklärt System Alliance-Geschäftsführer Georg Köhler. Nach seiner Einschätzung geht es also vornehmlich darum, „Transportrisiken durch flexible und passgenaue Logistiklösungen wie den Thermo-Service zu minimieren oder auszuschalten“.

Frostfreier Transport von Lack

Das gilt in besonderer Weise für frostempfindliche Lacke, wie sie zum Beispiel die Firma Schiemann Industrielacke GmbH & Co. KG aus Hannover herstellt. „Mehr als ein Drittel unserer Produktion sind wasserverdünnbare Systeme, die wir direkt an die Industrie abgeben“, berichtet Verkaufsleiter Martin Kemnah. Das Unternehmen beliefert vor allem die Automobilzulieferindustrie und Kunststoffverarbeiter.

„Es muss sichergestellt sein, dass unsere Produkte frostfrei beim Empfänger ankommen“, macht Kemnah deutlich. Dabei schätzt er besonders den Logistikservice aus einer Hand. „Wir arbeiten seit vielen Jahrzehnten mit System Alliance-Gesellschafter Hellmann Worldwide Logistics zusammen und sind mit dem Thermo-Service sehr zufrieden.“

Auch für Cornelia Lukes von der Ernst Diegel GmbH aus Alsfeld ist der Thermo-Service ein wichtiger Baustein für die Qualität der Produkte. „Wir stellen Hydrolacke zur Oberflächenveredelung von Kunststoffen und dekorative Beschichtungen für Gläser her. Unsere temperaturempfindlichen Produkte müssen beim Transport vor Frost geschützt werden“, erklärt sie.

Seit vielen Jahren arbeitet Lukes bereits mit der Fuldaer Niederlassung des System Alliance-Gesellschafters Friedrich Zufall GmbH & Co. KG zusammen. „Als der Thermo-Service im vergangenen Jahr eingeführt wurde, gehörten wir zu den ersten Kunden“, berichtet die Fachfrau für Marketing und Vertrieb.

Doch nicht nur für die Produzenten von Anstrichen sind temperaturgeführte Transporte ein wichtiger Qualitätsbaustein. Auch für thermosensible Gesundheitsprodukte kann der Thermo-Service von System Alliance eine ganzjährige Transportlösung im Sammelgut-Segment sein. So dürfen bestimmte Arzneien und Kosmetikartikel nur in Temperaturkorridoren von 15 bis 25 °C aufbewahrt und transportiert werden. Andernfalls drohen Qualitätseinbußen bis hin zur vollständigen Wirkungslosigkeit der Präparate.

Die Transporttemperatur beim Thermo-Service beträgt in der Regel 18 °C im Hauptlauf. Die eingesetzten Transportmittel verfügen über eine aktive Temperierung, das heißt, die Innentemperatur der Lkw-Thermowechselkoffer wird gemessen und innerhalb festgelegter Intervalle an die Systemzentrale der System Alliance übertragen. So wird sichergestellt, dass temperatursensible Güter ihr Ziel unbeschadet erreichen.

Zeitersparnis im temperierten Seecontainer

„Wir haben es beim Reefer-/Perishable-Geschäft glücklicherweise mit einem globalen Wachstumsgeschäft zu tun“, betont Frank Ganse, Global Director Reefer/Perishable Cargo bei Kühne + Nagel mit Sitz in Bremen, deren Geschäft der Seetransport von verderblichen, gekühlten Gütern ist. „Ein wesentliches Teilziel sehe ich darin, ein stabiles, saisonunabhängiges und zugleich wachstumsstarkes Frachtaufkommen zu generieren“, so Ganse, der den Reefer- und Perishables-Bereich seit 1999 bei Kühne + Nagel erfolgreich ausbaut, wie die folgenden Beispiele belegen.

So werden im Rahmen eines anspruchsvollen Supply-Chain-Konzeptes Frischeprodukte wie Obst und Gemüse aus Ägypten im Reefer-Container zum norditalienischen Hafen La Spezia befördert. Der reine Seetransport dauert drei Tage. Die Container werden noch im italienischen Hafen entladen, und die empfindlichen Waren in Kühl-Lkw verstaut.

Ganse: „Wir unterbrechen zwar die Kühlkette, aber diese Vorgehensweise bringt gute drei Tage Zeitgewinn gegenüber einem Seetransport, der bis nach Rotterdam ginge.“ Dieses Cross-Docking-Verfahren wird vor allem bei Transportabläufen nach Mittel- und Osteuropa genutzt. Für den reibungslosen Verlauf ist ein dichtes Monitoring der Transporte erforderlich.

Globale Supply Chain für Seelachs und Fruchtsaft

Beim nächsten Leistungsbeispiel geht es um den beliebten Alaska-Seelachs, der vor allem bei der Herstellung von Fischstäbchen benötigt wird. So werden bedeutende Mengen im Ochotskischen Meer, einem vom Pazifschen Ozean abzweigenden Randmeer, von russischen Fangflotten gefischt, auf den Fabrikfangschiffen verarbeitet und noch an Bord zu Blöcken tiefgefroren, die im südkoreanischen Pusan angelandet werden.

Hier beginnt die Logistikkette von Kühne + Nagel zu greifen: Der in Kartons verpackte Fisch wird in Reefer-Container verstaut, die anschließend per Seeschiff nach Bremerhaven gelangen. Dort werden die Boxen entladen und der Fisch wird im Container zu den Verarbeitungsbetrieben weiterbefördert. Die so frei gewordenen Kühlcontainer werden anschließend gereinigt und nach Österreich transportiert, wo sie mit Fruchtsaftkonzentrat beladen und zum Seehafen zurückbefördert werden. Das Konzentrat ist für Japan bestimmt. MM

 

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