Digitale Transformation

Logistik 4.0 und die digitale Zukunft - Geschäftsmodelle werden sich verändern

| Autor / Redakteur: Andreas Seidel / Jonas Scherf

Neue Geschäftsmodelle sind in der Logistik 4.0 essentiell.
Neue Geschäftsmodelle sind in der Logistik 4.0 essentiell. (Bild: Seidel)

Braucht die Logistik der Zukunft noch Menschen? Die Verunsicherung geht in Anbetracht vieler vorgestellter Zukunftsvisionen um. In dieser Beitragsreihe soll diese Frage sachlich genauer beleuchtet werden.

Viele logistische Aufgaben laufen heute bereits weitgehend automatisiert ab. In einem automatischen Hochregallager gibt es keine Menschen mehr wegzurationalisieren. Eine Datenbrille ersetzt vielleicht Pick by Voice, also eine Optimierung bestehender Technologie. Viele neue Technologien, die gerade entwickelt werden, funktionieren zwar unter den Laborbedingungen brillant, aber eben nur unter diesen oder in eng begrenzten Nischen.

Nehmen wir zum Beispiel das Thema Zustellroboter. Wie viele Roboter müssen bei gegenwärtig 3 Milliarden KEP-Sendungen jährlich auf unseren Bürgersteigen und in Konkurrenz zu Fußgängern oder Radfahrern unterwegs sein, um solche Mengen auszuliefern (abgesehen von Schlechtwetterperioden, in denen sie nicht eingesetzt werden können oder praktischen Herausforderungen wie ein mit Mülltonnen zugestellter Weg)? Selbst dann werden sie ein konventionelles Zustellfahrzeug als Backup brauchen, weil sonst die Wege zwischen Paketaufnahme und Auslieferung viel zu groß werden. Eine normale deutsche Innenstadt entspricht nicht Laborbedingungen!

Industrie 4.0 wird die Supply Chains verändern

Viel größeres Augenmerk sollte daher darauf gerichtet werden, wie sich die Anforderungen von außen an die Logistik verändern. Durch Digitalisierung werden Produktlebenszyklen immer kürzer, Logistikketten müssen ganz neu konfiguriert werden, weil sich gegebenenfalls auch Produktionsstätten verlagern. Der Trend zu kleineren Losen durch hochflexible Fertigung bis zur Losgröße 1, wird die Logistikketten weiter beschleunigen: Production on Demand bedeutet dann auch Delivery on Demand. Der Stückkostenvorteil einer Massenproduktion von Zulieferteilen in Fernost wird gegenüber dem Zeitnachteil einer Containerverschiffung eher verloren gehen. Dies könnte verstärkt wieder zu regionalen Produktionscluster führen, die in der Lage sind, auch kleine Stückzahlen ad hoc zu fertigen und zu liefern. Aktuelles Beispiel ist z. B. die Speedfactory von Adidas, in der das Unternehmen zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder in Deutschland produziert.

Dies wird für Logistiker bedeuten, dass sie hier hochflexible Lösungen liefern und sich räumlichen Veränderungen der Lieferketten anpassen müssen. Was hilft eine hochautomatisierte Logistikanlage, wenn sie einerseits schnell benötigt wird, aber genauso schnell wieder ihre Notwendigkeit verliert. Dagegen sprechen sowohl Planungs-, Realisierungs- wie auch wirtschaftliche Amortisationszeiten.

Daraus lässt sich der Trend weg von den Funktionen der Vorratslagerung hin zu individuellen Handlings- und Distributionszentren ableiten. Diese Individualität spricht eher für zwar hochgradig digital unterstütztes aber doch letztlich manuelles Arbeiten.

Online-Handel bringt neue logistische Aufgaben

Eine andere Entwicklung ergibt sich durch den Trend zum Online-Shopping durch die Digitalisierung des Handels. Hier wird schon überlegt, eine neue feinräumige Logistikstruktur aufzubauen, um gerade die typischen Sortimente des LEH zeitnah zum Kunden zu bringen. Schließlich muss dann die bislang kostenlose Dienstleistung des Kunden, der heute die Ware selbst in den Einkaufswagen und seine Tasche kommissioniert und sich selbst nach Hause liefert, ersetzt werden. An diesem Punkt muss jedoch aufgepasst werden, in welcher Form gerade in diesem Bereich ein neuer prekärer Billiglohnsektor entsteht!

Ein Fazit

Aus den vorangegangen Überlegungen ergibt daher sich folgendes Bild: Die Digitalisierung wird weiter in die Logistik vordringen. Zum Teil wird sie bereits heute eingesetzte Technik durch bessere ersetzen. Technik und logistischer Prozess müssen aber immer zusammenpassen. Je individueller und flexibler logistische Leistungen in der Zukunft werden, desto mehr intelligente Unterstützungsleistung wird benötigt, um die Arbeit effizient zu erfüllen. Gleichzeitig werden manuellen Tätigkeiten in Summe deutlich zunehmen. In Teilen wird dies zu Arbeitsplätzen führen, an denen sowohl hohe digitale wie manuelle Kompetenz benötigt wird, andererseits mit Blick auf die Zunahme des Onlinehandels mehr problematische Arbeitsplätze auf der letzten Meile.

Lesen Sie jetzt auch die anderen Artikel der Reihe "Logistik 4.0 und die digitale Zukunft":

Andreas Seidel
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